Wenn der Klimaschutz ansteckend wird – FAZ – Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der ganze Planet klimaneutral bis zur Jahrhundertmitte – bis heute ist das nackte Utopie. Klimapolitisch ist bisher nicht mehr als ein Anfang gemacht. Die globalen Klimatrends sind ungebrochen und eindeutig: kein Knick in der Erwärmungskurve, keine Verlangsamung des Treibhausgas-Anstiegs, keine ökologische Entlastung durch eine Kehrtwende. Viele haben Angst vor dem Klimachaos, andere vor dem sich abzeichnenden Richtungswechsel. Vor einem gesellschaftlichen und politischen Dauerkrampf.

Joachim Müller-Jung

Joachim Müller-Jung

Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

Und doch sind Wissenschaftler überzeugt, dass die Beharrungskräfte irgendwann einknicken – dass die Bewegung zu einer klimaschonenden Wirtschaftsweise unumkehrbar die Oberhand gewinnt. „Dekarbonisierung“ ist das Ziel, die totale Unabhängigkeit von fossilen Energiequellen, die den größten Teil der Treibhausgase in der Atmosphäre zu verantworten haben, und der Umstieg auf regenerative, saubere Energiequellen. Wie aber soll das möglich sein: der Ausstieg aus dem alten Wirtschaftsmodell, das noch immer süchtig ist nach Kohle, Öl und Gas und die Kosten, die das etwa für die Umwelt und die Gesundheit bedeutet, ausklammert und auf die Allgemeinheit abwälzt?

Wie das Ruder herumreißen?

Was muss also passieren, um in den großen Demokratien der Welt eine Trendwende zu erreichen und das Klima effektiv zu schützen? Ein internationales Wissenschaftlerteam unter Führung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) hat jetzt in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften mögliche „soziale Kippelemente“ – gesellschaftliche Wendepunkte – beschrieben. Sie sind allesamt bereits aktiviert, wenn man so will, und betreffen die Bereiche Energie, Finanzwelt und Bildung. Vergleichbar sind diese „sozialen Interventionen“ historisch etwa mit dem Buchdruck, an deren Schwelle plötzlich dem Protestantismus Martin Luthers zum Durchbruch verholfen wurde. Immer geht es darum, dass Entwicklungen auf einen Schwellenwert zusteuern, ähnlich einer ansteckenden Krankheit, aus der nach Erreichen einer bestimmten kritischen Masse an Betroffenen plötzlich mehr wird und ganze Gesellschaften erfasst werden. Plötzlich kippt das Ganze in einen neuen Zustand, im Falle der Klimaschutzbewegung in einen positiven, nachhaltigen Zustand, der die weitere Erwärmung des Planeten zu verhindern verspricht. Große Potentiale als Einzelmaßnahme schreiben die Klimaökonomie seit Jahren einem ökologisch gerechten Preis auf Treibhausgasemissionen zu sowie gezielte Subventionen für die regenerativen Energien.

„Fridays for Future“ in Lausanne vor drei Tagen: Greta Thunberg zieht auch in der Schweiz die Massen an.

Die Studie der Forschergruppe um den ehemaligen PIK-Direktor Hans Joachim Schellnhuber und Ilona Otto enthält sechs  Vorschläge, die als „soziale Interventionen“ in den Blick genommen werden sollten, um das Ruder in Richtung Klimaneutralität herumzureißen:

Energieerzeugung

Hier müsste der Trend schnell und endgültig weg von fossilen Brennstoffen gehen. Dabei ist vor allem die Politik gefordert: 2015 waren die Subventionen für Kohle, Erdöl und Erdgas noch mehr als doppelt so hoch wie die Subventionen für erneuerbare Energien. Außerdem empfehlen die Forscher einen Umbau der Energieversorgung von zentralen Kraftwerken hin zu dezentraler Energiegewinnung, etwa durch Solar- und Windkraft.

Städte

Direkte und indirekte Emissionen von Gebäuden summieren sich weltweit auf 20 Prozent des Treibhausgasausstoßes. Die Wissenschaftler schlagen große Demonstrationsprojekte vor, in denen auch klimafreundliches Bauen gezeigt werden könnte. So könne ein großes Gebäude, das zu 80 Prozent aus laminiertem Holz errichtet werde, Tausende Tonnen Kohlendioxid (CO2) vermeiden. Auch in der öffentlichen Infrastruktur von Städten besteht den Forschern zufolge ein großes CO2-Einsparpotential.

Finanzsystem

Wenn Investoren befürchten müssten, dass sich ihr Engagement bei fossilen Brennstoffen nicht mehr rentiert, könnten sie ihre Gelder aus dieser Branche abziehen. „Simulationen zeigen, dass nur neun Prozent der Investoren das System kippen könnten, was andere Investoren dazu veranlasst, dem zu folgen“, schreiben die Forscher. Es gebe bereits Anzeichen für einen Wendepunkt, nämlich Kürzungen bei der finanziellen und versicherungstechnischen Unterstützung von Kohleprojekten.

Source: faz.net

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