Terrorzelle plante Bürgerkriegsszenarien – FAZ – Frankfurter Allgemeine Zeitung

Im Visier der mutmaßlichen rechtsextremen Terrorzelle war eine repräsentative Moschee. Erst vor wenigen Monaten hatten sich die in sechs Bundesländern lebenden Männer im Internet kennengelernt. In geschlossenen Chat-Gruppen tauschten sie Bilder von Waffen aus, erörterten Überlegungen für den Umsturz in Deutschland, sammelten einen fünfstelligen Betrag zum Waffenkauf. Am Freitag schlugen die Sicherheitsbehörden dann in einer konzertierten Großrazzia zu, weil sie der Zelle nun jederzeit einen Anschlag zutrauten. Die Ermittler alarmierte, dass die mutmaßlichen Rädelsführer sich schon zwei Mal persönlich getroffen hatten: In der Nähe von Stuttgart und am vorvergangenen Wochenende im nordrhein-westfälischen Minden. Das zweite Treffen observierten die Ermittler aufwendig.

Reiner Burger

Erstmals auf die Gruppe aufmerksam geworden waren Ermittler des baden-württembergischen Landeskriminalamtes im September 2019. Umgehend alarmierten sie ihre Kollegen in den andern Bundesländern. Denn das überregionale Netz, das sich da in der virtuellen Welt gebildet hatte, radikalisierte sich immer rascher. Werner S. aus dem Landkreis Augsburg und Michael B. aus dem Landkreis Esslingen sollen die Anführer der Gruppe sein, zum engeren Kreis gehören noch Thomas N. aus Minden-Lübbecke und Tony E. Diesen vier deutschen Staatsbürgern wirft die Bundesanwaltschaft vor, eine terroristische Vereinigung gegründet zu haben. Acht weitere Deutsche sollen die Gruppe, die sich „Der harte Kern“ genannt haben soll, mit Geld und Waffenbauplänen unterstützt haben.

Am Freitag nahmen Spezialkräfte der Polizei die Männer an ihren Wohnorten in Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz, NRW und Niedersachsen fest. Offensichtlich sind die bei der Großrazzia sichergestellten Beweismittel so eindeutig, dass Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof am Samstag Haftbefehle gegen die zwölf Beschuldigten erließen. Ein weiterer Mann, der ebenfalls zum Kern der Gruppe gehört haben soll, blieb zunächst auf freiem Fuß.

Das Vorgehen erinnert an „Oldschool Society”

Der Generalbundesanwalt verdächtigt die mutmaßlichen Mitglieder der Terrorzelle, Anschläge auf Politiker, Asylbewerber und Muslime geplant zu haben. Ziel sei es gewesen, „bürgerkriegsähnliche Zustände“ herbeizuführen, um die „Staats- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland zu erschüttern und letztlich zu überwinden“. Die Ermittler sind sich sicher, dass sie es in zweierlei Hinsicht mit einem vergleichsweise neuen Phänomen zu tun haben: Tonangebend in der Terrorzelle waren nicht Altkader rechtsradikaler Vereinigungen, die Verfassungsschutz oder der Polizei seit langem im Blick haben oder gar einer der derzeit rund 50 rechtsextremen Gefährder, sondern Personen, die sich im Internet gefunden und dort weiter radikalisiert haben. Ihre neue mutmaßlich terroristische Vereinigung gründeten sie zunächst virtuell, trafen dann per Chat erste Anschlagsvorbereitungen. Erst nachdem die Gruppe sich zudem Geld und erste Waffen besorgt hatte, kam es zu Treffen in der realen Welt. Das Vorgehen erinnert an jenes der rechtsextremen Terrorgruppe „Oldschool Society“ (OSS). Deren aus Bayern, Sachsen und NRW stammende Mitglieder hatten sich 2014 ebenfalls in Chat-Gruppen rasend schnell zu Terroristen radikalisiert. Die OSS-Mitglieder hatten fest vereinbart, Anfang Mail 2015 einen Sprengstoffanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Sachsen zu verüben, als der Generalbundesanwalt sie festnehmen ließ.

Bei den Mitgliedern der am Freitag zerschlagenen mutmaßlichen Terrorzelle soll es sich laut Ermittlerkreisen unter anderem um Reichsbürger, szenebekannte Neonazis, Mitglieder einer „Bürgerwehr“ namens „Bruderschaft Deutschland“, der südwestdeutschen Sektion dieser Organisation, Leute aus der „Prepper-Szene“ und Personen handeln, die ein nach außen unauffälliges bürgerliches Leben geführt haben, so wie der Verwaltungsmitarbeiter der nordrhein-westfälischen Polizei, der am Freitag in Ostwestfalen festgenommen wurde.

Source: faz.net

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