Rückzug von Kardinal Marx: Raus aus der Ämterfalle – DER SPIEGEL

Reinhard Kardinal Marx hat seinen Rückzug als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz angekündigt. Er tat dies auf den Tag genau sieben Jahre nachdem der deutsche Papst Benedikt XVI. seinen historischen Rücktritt erklärte.

Wieso verzichtet ein Kirchenpatriarch, dem immer wieder nachgesagt wurde, er liebe die Macht, auf eine weitere Amtszeit? Marx‘ Wiederwahl Anfang März habe nichts im Wege gestanden, ist aus Kirchenkreisen zu hören. So überraschend die Entscheidung für viele in der katholischen Kirche kam – für den 66-jährigen Marx stand sie “schon seit einiger Zeit” fest.

“Meine Überlegung ist, dass ich am Ende einer möglichen zweiten Amtszeit 72 Jahre alt wäre”, schreibt er in einem Brief an die Mitglieder der Bischofskonferenz. “Ich finde, es sollte die jüngere Generation an die Reihe kommen.”

Eine belastende Konstellation

Gründe, den Posten abzugeben, gibt es einige. Da ist zum einen die Doppelbelastung durch das Amt als DBK-Vorsitzender und Erzbischof von München und Freising, einer der reichsten Diözesen des Landes. Hier ist er konkret mit strukturellen Problemen der Kirche konfrontiert – wegen Priestermangels fehlt es dem Erzbistum allerorts an Personal. Hinzu kommt Marx‘ Funktion als Kardinal-Koordinator des Wirtschaftsrates im Vatikan, den Papst Franziskus 2014 eingerichtet hat.

Die Amtsfülle ist auch eine potenziell belastende Konstellation. Mancher mag sich an einen der prominenteren von Marx‘ Vorgängern in München und auch an der Spitze der Bischofskonferenz erinnern. Kardinal Julius Döpfner starb 1976 im Alter von nur 63 Jahren an einem Herzinfarkt.

“Marx‘ Entscheidung ist sehr weise und nachvollziehbar”, sagt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Heinrich Bedford-Strohm, der als bayerischer Landesbischof seit Jahren eng mit seinem Münchner Nachbarn zusammenarbeitet. Der EKD-Chef warnte davor, den Amtsverzicht zu überhöhen. “Kardinal Marx wird eine der großen Figuren in der katholischen Kirche bleiben und weiter eine bedeutende Rolle spielen”, sagte er.

Inwieweit Marx den in der katholischen Kirche begonnenen Reformprozess weiter begleiten wird, ist unklar. Über den “Synodalen Weg” – die innerkirchliche Debatte über Zölibat, überkommene Sexualmoral, Frauen in Leitungsfunktionen, aber auch dringende strukturelle Veränderungen – wird leidenschaftlich gestritten.

Während Marx und seine Mitstreiter im Präsidium von einem großartigen Zukunftsprojekt sprachen, bezeichnete der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki das Gremium aus Klerikern und Laien als “quasi-protestantisches Kirchenparlament”, das die Hierarchien in der Kirche untergrabe. Um Woelki scharen sich die Konservativen.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, ist aktiv am Reformprozess beteiligt. Er betonte, Marx verkörpere die Hoffnung auf ein neues Bild der Kirche in Deutschland: “Demokratisches Bewusstsein und katholische Kirche sind für ihn keine Gegensätze.”

Feinde daheim und im Vatikan

Dabei galt Marx einst als Konservativer, wurde in einem Atemzug mit den sogenannten M-Bischöfen genannt – Erzkonservative wie Kardinal Gerhard Ludwig Müller oder der frühere Kölner Kardinal Joachim Meisner. Der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach sagte über den im westfälischen Geseke geborenen Marx, er sei “nach außen sozial engagiert, nach innen reaktionär bis aufs Skelett”. Doch spätestens seit Papst Franziskus im Amt ist, agiert Marx zunehmend liberal. Und stößt damit auf Widerstand.

Ob die Aufarbeitung des Missbrauchskandals oder mehr Transparenz bei den Kirchenfinanzen: Immer wieder hat Marx bei der Umsetzung mit einem grundlegenden Problem der Deutschen Bischofskonferenz zu kämpfen: Sie kann den einzelnen Bischöfen nichts vorschreiben.

Auch in Rom hat Marx Feinde. Für die Konservativen in der Weltkirche war der – von Papst Franziskus offenbar wohlwollend begleitete – Vorstoß der deutschen Bischöfe ein Affront. “Marx liegen die Fragen um eine Lockerung des Zölibats und das Frauendiakonat am Herzen”, sagt der Vatikan-Experte Marco Politi. “Vielleicht ist er es leid, Papst Franziskus in einer Phase stagnierender Reformen ständig verteidigen zu müssen. Denn Franziskus’ Pontifikat befindet sich in einer Sackgasse.”

Wer sind die möglichen Nachfolger?

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck bedauerte Marx‘ Rückzug “angesichts seines enormen Einsatzes für den synodalen Weg”. Overbeck gilt als möglicher Nachfolger im Amt – außer ihm auch der Limburger Bischof Georg Bätzing und der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf. Mit ihnen konnten sich zuletzt auch jüngere Bischöfe profilieren – einige gelten aber als “zu jung”, das heißt, zu wenig etabliert oder schwer einzuschätzen.

  • Overbeck betreut als Militärbischof die Seelsorge in der Armee und gilt als ambitioniert und medienaffin. Als Reformer steht er dafür, den Synodalen Weg weiter zu beschreiten.

  • Bätzing arbeitet in Limburg als Nachfolger des sogenannten Protzbischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst seit 2016 daran, verlorenes Vertrauen wieder zu gewinnen – und zeigt sich ebenfalls für liberale Positionen wie die nach einem freiwilligen Zölibat offen.

  • Mit Kohlgraf wiederum gibt es auch einen Kompromisskandidaten, der gemäßigt-progressiv auftritt. Er steht in Mainz dem früheren Bistum eines langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz vor, dem 2018 gestorbenen Kardinal Karl Lehmann.

Es gibt auch Bischöfe, die von sich aus abwinken. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann erklärte, Marx habe seinen Vorsitz “mit großer Energie, mit Mut und zukunftsorientiert wahrgenommen”. Eigene Ambitionen auf das Amt habe er nicht:  “Bischof Ackermann sieht seinen Beitrag für die Bischofskonferenz in seinen aktuellen Aufgaben”, so eine Sprecherin. 

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode ist stellvertretender Vorsitzender der DBK und kann gut nachvollziehen, dass Marx die Zahl seiner Aufgaben reduzieren möchte. “Ich hätte mir gewünscht, dass er weiter macht, aber ich verstehe seine Entscheidung.” Für ihn selbst käme das Amt “auf keine Fall infrage”, so Bode.

Auf ihrer Vollversammlung Anfang März in Mainz werden die Bischöfe in geheimer Wahl entscheiden. “Spekulationen dazu sind fehl am Platz”, sagt der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. “Die Bischofskonferenz wählt nach Anrufung des Heiligen Geistes ohne Personaldebatte. So war es jedenfalls bisher.”

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Source: spiegel.de

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