Michael Bloomberg: Trump-Herausforderer mit zwei Gesichtern – DIE WELT

Es ist in diesen Wochen mit Michael Bloomberg ein wenig so wie in der Fabel vom Hasen und dem Igel. Egal wo man hinkommt: Bloomberg ist schon da. Mit Plakatwerbung, vor allem aber im Fernsehen, den sozialen Medien. „Ich bin schon da“, ruft der frühere New Yorker Bürgermeister den Amerikanern zu.

Er tut dies gekonnt, perfekt inszeniert. Seine Werbeclips sind, je nach Thema, staatstragend, ernst, emotional, spöttisch, witzig oder Augen zwinkernd. Für Werbung hat Bloomberg schon jetzt über eine halbe Milliarde US-Dollar ausgegeben, mehr als alle anderen demokratischen Kandidatenanwärter zusammen. Spenden sammelt er gar nicht erst.

Michael „Mike“ Bloomberg, 78, Unternehmer und Chef des gleichnamigen Medienkonzerns, ehemaliger New Yorker Bürgermeister und einer der reichsten Menschen der Welt, investiert viel aus seinem Vermögen in seinen Traum: Er will amerikanischer Präsident werden. Er tritt bei den Demokraten an, nachdem er lange Republikaner war, will das höchst anspruchsvolle Rennen gegen seinen einstigen New Yorker Mitbürger Donald Trump wagen.

"Ich mag Mike": Die Kampagne läuft auf Hochtouren

“Ich mag Mike”: Die Kampagne läuft auf Hochtouren
Quelle: REUTERS

Doch erst einmal muss sich Bloomberg innerhalb der Demokraten durchsetzen, nicht zuletzt gegen moderate Schwergewichte wie Ex-Vizepräsident Joe Biden. Und natürlich gegen den derzeitigen Favoriten, den linken, unabhängigen Senator Bernie Sanders. Der hat in 30 Jahren im Kongress nur die Umbenennung von zwei Postfilialen durchgesetzt, glaubt man einem Bloomberg-Clip.

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Während Sanders und alle anderen demokratischen Präsidentschaftsbewerber bereits vier Vorwahlen absolviert haben, tritt Bloomberg am Dienstag zum ersten Mal an. An jenem „Super Tuesday“ entscheiden die Demokraten in zwölf Bundesstaaten (außerdem im Territorium American Samoa und bei den im Ausland lebenden Anhängern) über den Präsidentschaftskandidaten. Abgestimmt wird unter anderem im bevölkerungsreichen Kalifornien. Zur Wahl stehen ein Drittel der Delegierten für den demokratischen Parteitag, der im Juli den Präsidentschaftskandidaten nominieren wird. Bloomberg liegt in Umfragen zu den Super-Tuesday-Staaten zwischen sechs und 20 Prozent, in Oklahoma an erster Stelle.

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Quelle: WELT/ Steffen Schwarzkopf

Gut möglich also, dass die Demokraten mit Bloomberg, neben Sanders, einen weiteren polarisierenden Kandidaten zu ihrem Favoriten für das Weiße Haus küren. Was ein möglicher Favorit, geschweige denn ein Präsidentschaftskandidat Bloomberg für die Demokratische Partei bedeuten würde, lässt sich noch gar nicht ermessen. Der Widerstand in der Partei, die in den vergangenen Jahren kräftig nach links gerückt ist, ist jetzt schon groß. Etliche Bürgermeister und Abgeordnete stützen Bloomberg, hat er sie doch mit Millionen unterstützt. Vielen Demokraten aber ist er geradezu verhasst. Er kaufe sich in die Wahl, sagen sie.

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Quelle: Infografik WELT/Beate Nowak

In zwei Fernsehdebatten rechtfertigte sich Bloomberg eher schlecht als recht für seinen Reichtum und seine Spenden an republikanische Politiker in den vergangenen Jahren. Für die rassistisch motivierte einstige Taktik der New Yorker Polizei („stop and frisk“) hat sich Bloomberg schon x-fach entschuldigt. Vor allem die linke Senatorin Elizabeth Warren griff Bloomberg an. „Die Demokraten gehen ein hohes Risiko ein, wenn wir nur einen arroganten Milliardär durch einen anderen ersetzen“, sagt sie, anspielend auf Bloomberg und den ungleich weniger reichen Trump.

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Bloomberg will jetzt plötzlich seine Steuererklärungen veröffentlichen, die Sexismus-Vorwürfe von Mitarbeiterinnen entkräften. Der Kandidat steht unter Druck und übt Druck aus. Während er sich permanent verteidigen muss, greift er an – Trump natürlich, aber auch Sanders, etwa für dessen Sozialismus-Ideen. Russland mische sich in die US-Wahl zu Sanders Gunsten ein, um so vier weitere Jahre Trump zu bekommen, ätzte Bloomberg am Dienstag in Charleston in South Carolina. Sanders wiederum sieht in Bloombergs Kandidatur den Hebel für eine Wiederwahl Trumps. Wer recht hat, wird man nie ergründen können: Die Demokraten ziehen nur mit einem Kandidaten in die Wahl; vielleicht wird es weder Sanders noch Bloomberg sein.

In Virginia liegt Sanders Umfragen zufolge knapp vor Bloomberg. Doch der Kandidat kämpft. Etwa in der Hauptstadt Richmond an einem Samstagnachmittag im Februar. Die Hardywood-Brauerei hat ihre Lagerhalle freigeräumt. „Mike 2020“ ist auf den alten hölzernen Bierfässern zu lesen, die hinter dem Rednerpult aufgebaut sind. Etwa 400 Leute sind da, viele Familien. Es gibt frisch gezapftes Bier, etwa „Pilsner German Style“. Dank Gönner Bloomberg sind die Getränke kostenlos. Die Stimmung ist entsprechend gelöst.

„Dieses Land braucht einen moderaten Kandidaten“

Kim und Dusty Slowik sind mit ihren Kindern gekommen, die Familie lebt in Richmond. „Wir brauchen jemanden, der diesen Mann schlagen kann“, sagt Kim Slowik. Mit „diesem Mann“ meint sie Trump. Sie findet den Präsidenten so schrecklich, dass sie ihn nicht beim Namen nennen will: „Bloomberg könnte diesen Mann schlagen.“ Die selbstständige Musikproduzentin mag eigentlich Elizabeth Warren lieber als Bloomberg, „aber ich zweifle an ihrer Kraft“.

Kim Slowik also argumentiert mit der „Wählbarkeit“ – dem Schlüsselwort von Joe Bidens Unterstützern. Am Super Tuesday wird sich zeigen, wen die Demokraten für wählbar halten. Dusty Slowik, der in der Werbebranche tätig ist, bringt seine Sympathie für Bloomberg so auf den Punkt: „Dieses Land braucht einen moderaten Kandidaten.“

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Quelle: WELT

„Mike schafft es“, „Donald Trump ist ein Präsident für eine Amtszeit“, „Mike Bloomberg ins Weiße Haus“ – mit diesen Parolen kündigt eine Rednerin den Kandidaten an. Um kurz nach 17 Uhr betritt er die Lagerhalle, schiebt sich sogleich durch die Menschen auf die Bühne. Bloomberg listet auf, wie oft er schon in Virginia war. Dann kommt er zur Essenz seiner Rede: „Wir werden Donald Trump 2020 schlagen … Ich trete an, um Donald Trump zu schlagen.“

Ein Störer ruft „Faschist“ und wird aus dem Raum gedrängt. Er habe erreichbare Ziele, sagt Bloomberg, „und ich werde sie durchsetzen“. Ein Versprechen gebe er schon jetzt ab: Mit ihm als Präsident werde es keine Tweets mehr geben, keine Twitter-Nachrichten also à la Trump. Locker will Bloomberg mit dieser Bemerkung wirken, doch es funktioniert nicht recht.

Bloomberg attackiert Trump als Klimawandel-Leugner, kritisiert die Waffengewalt, gegen die er schon seit Jahren mit viel Geld Lobbyismus betreibt. „Ich hätte es eher stoppen sollen“, entschuldigt er sich erneut für die rassistische einstige New Yorker Polizeitaktik. Beifall. Bloomberg rattert etliche Prozentzahlen herunter, hakt die Themen Jobs, Frauenrechte, Gesundheitspolitik und „faire Steuern“ ab.

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Die Rede kommt blutleer daher, ohne Emotion und Empathie. Kein Funke springt über. Kurz, kühl und effizient wirkt der Auftritt, wie üblich in der Wirtschaft, weniger aber in der Politik. Bloomberg redet gerade einmal 20 Minuten, genauer gesagt: Er liest vom Teleprompter ab. Fragen des Publikums? Nicht vorgesehen.

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Der gesamte Auftritt ist der krasse Gegensatz zu seinen perfekt inszenierten, smarten, gewitzten Werbeclips. Wer Bloomberg in den Filmchen und als Redner gesehen hat, dem erscheint er wie ein Mann mit zwei Gesichtern. Hier der perfekt inszenierte, smarte, witzige Bloomberg – der Igel, der schon da ist. Dort der kühle, mit Menschen fremdelnde Sprechapparat.

Für ein paar Fotos steht Bloomberg in der Hardywood-Brauerei noch bereit. Dann leiten ihn Sicherheitsbeamte aus der Halle.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern Sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

Quelle: WELT AM SONNTAG

Source: welt.de

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