“Luanda Leaks”: Milliardärin dank Vetternwirtschaft – tagesschau.de

Isabel dos Santos gilt als erste Milliardärin Afrikas und als Vorzeige-Unternehmerin. Unterlagen zeigen nun, wie die Angolanerin von Vetternwirtschaft profitierte.

Von Andreas Spinrath (WDR), Peter Hornung (NDR) und Jan Lukas Strozyk (NDR)

Isabel Dos Santos, Unternehmerin aus Angola und mutmaßlich reichste Frau Afrikas, hat offenbar systematisch von Vetternwirtschaft und Vorteilsnahme profitiert und so ihren wirtschaftlichen Aufstieg vorangetrieben. Diesen Verdacht erhärten interne Unterlagen zu den Geschäften Dos Santos’, die Reporterinnen und Reporter unter anderem von NDR, WDR und “Süddeutscher Zeitung” auswerten konnten. Die 46-jährige Unternehmerin ist die Tochter des ehemaligen Staatspräsidenten Jose Eduardo Dos Santos.

Mit dessen Unterstützung soll sie große Wettbewerbsvorteile erhalten haben. Auch der Verdacht der Veruntreuung von Staatsgeldern steht im Raum. Isabel dos Santos bestreitet sämtliche Vorwürfe vehement.

Ende Dezember – wenige Wochen, nachdem Reporterinnen und Reporter die Regierung zu den Geschäften angefragt hatten – hat die angolanische Justiz bekannt gegeben, dass sie Konten eingefroren und Firmenanteile von Isabel Dos Santos beschlagnahmt hat. Dos Santos bestreitet ein Fehlverhalten und sagt, sie sei Opfer einer Kampagne gegen ihre Familie, hinter der die amtierende Regierung stecke.

“Luanda Leaks” bestehen aus 715.000 Dokumenten

Die Unterlagen, über die nun erstmals berichtet wird, stammen aus einem Datensatz mit 715.000 Dokumenten aus dem inneren der Dos-Santos-Firmen. Sie wurden der afrikanischen Journalistengruppe PPLAAF zugespielt, die sie mit dem International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) teilte.

Rund 120 Journalisten aus 20 Ländern haben die Unterlagen gemeinsam ausgewertet und veröffentlichen die Erkenntnisse unter dem Schlagwort “Luanda Leaks”, benannt nach der Hauptstadt Angolas. In Deutschland sind NDR, WDR und “Süddeutsche Zeitung” an dem Projekt beteiligt. Die Dokumente reichen zurück bis 1980, der Großteil bezieht sich allerdings auf die vergangenen zehn Jahre.

Hilfe auch aus Deutschland

Die Recherchen stehen in keinem direkten Zusammenhang zu den Ermittlungen der angolanischen Justiz, allerdings tauchen eine Reihe von Unternehmen aus den “Luanda Leaks” auch in Unterlagen der Ermittler auf. Unter anderem hat die Justiz die Firmenanteile von Dos Santos an der Getränke-Firma Sodiba. Die profitierte von einem Kredit der KfW Ipex, einer Tochtergesellschaft der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau.

Mit dem Geld, insgesamt rund 50 Millionen Euro, bezahlte Dos Santos im Jahr 2015 technische Anlagen aus Deutschland: eine Anlage zum Bierbrauen und zwei Abfüll-Linien der Krones AG aus der Oberpfalz. Vermittelt wurde das Darlehen von einer Bank, die zu 75 Prozent dem angolanischen Staat gehörte.

Der Vater griff persönlich ein

Ermöglicht hat den Aufstieg der Sodiba im afrikanischen Getränkemarkt neben den Krediten aus Deutschland auch ein Eingriff des Präsidenten. Dos Santos’ Vater nutzte seine Macht um das Investitionsprojekt überhaupt erst zu genehmigen. Außerdem sagte seine Regierung dem Unternehmen Steuererleichterungen zu.

Oliver Bullough ist Autor des Buches “Land des Geldes: Warum Diebe und Betrüger die Welt beherrschen”. Im Interview mit dem ICIJ nennt er Angola eine “perfekte Fallstudie für Kleptokratie in Aktion”, weil die einst herrschende Familie Dos Santos “Entscheidungen getroffen hat, die ihnen selbst nützen”. Salvadore de Freire, Menschenrechtsanwalt in Luanda, sagte dem ICIJ, Ex-Präsident “Dos Santos hat Angola wie seine persönliche Farm behandelt”.

Im Herbst 2017 war Jose Eduardo Dos Santos, der Vater von Isabel Dos Santos, nach fast 40 Jahren an der Spitze des Landes ausgeschieden. Er reagierte auf eine Anfrage nicht.

Niemand will etwas gewusst haben

Schon Jahre vor dem Brauerei-Geschäft gab es Berichte über Vetternwirtschaft im Umfeld der Dos-Santos-Familie. Das berücksichtigte offenbar weder die KfW, noch die Krones AG. Davon, dass Dos Santos hinter der Brauerei steckt, habe Krones überhaupt erst Jahre später erfahren, erklärte das Unternehmen auf Anfrage. Allerdings ist diese Information im angolanischen Amtsblatt schon vor dem Millionen-Geschäft öffentlich einsehbar gewesen.

Die KfW erklärte, man habe das Geschäft damals gemeinsam mit der angolanischen Bank finanziert und sich auf deren Compliance-Prüfungen verlassen. Weder die KfW noch Isabel Dos Santos räumen in diesem Geschäft ein Fehlverhalten ein.

Das Sodiba-Bier der Marke Luandina wird derweil erfolgreich exportiert: Vor wenigen Monaten war Dos Santos auf Werbe-Reise in China, wo sie das Getränk bald verkaufen möchte. Ob das nach der Beschlagnahme ihrer Anteile noch möglich sein wird, ist unklar.

Global Player mit illegitimen Vermögen

Die “Luanda Leaks” geben Einblick in ein wachsendes globales Problem: Skrupellose Staatslenker und ihre Familien und Vertrauten bewegen illegitim erwirtschaftetes Geld aus den eigenen Ländern über Steueroasen in westliche Länder. Dort wird das Geld in Immobilien investiert, in Firmenanteile gesteckt oder einfach angelegt – versteckt vor den Behörden zuhause.

Auch Dos Santos, das zeigen die Unterlagen, hat ein ausschweifendes Leben geführt: Reisen in Privatflugzeugen, Immobilien in Monaco, Dubai oder Lissabon und Urlaub auf der eigenen Jacht.

Mehr als 400 Firmen in 41 Jurisdiktionen haben Dos Santos und ihr Umfeld in den vergangenen Jahren gegründet, fast 100 davon in Steueroasen wie Malta, Mauritius und Hong Kong. Immer wieder haben diese Firmen von öffentlichen Aufträgen in Angola, von Beratungs-Jobs und von Darlehen profitiert. Insgesamt geht die angolanische Justiz davon aus, dass Dos Santos sich in Höhe von mehr als einer Milliarde US-Dollar an angolanischen Staatskonzernen bereichert habe. Das Geld fordert die Justiz nun zurück.

Firmenimperium beschlagnahmt

Isabel Dos Santos treffen die Enthüllungen ebenso wie die Ermittlungen in ihrer Heimat Angola hart. Nicht nur geschäftlich: Das Magazin Forbes schätzte ihr Vermögen auf mehr als zwei Milliarden US-Dollar, ein guter Teil ihres Firmenimperiums in Angola und Portugal, mit Beteiligungen an Banken, Einkaufszentren, Mobilfunkfirmen, ist nun indes erst einmal beschlagnahmt.

Auch ihr sorgsam aufgebautes Image als Self-Made-Milliardärin ist in Gefahr. Regelmäßig hat sie bei öffentlichen Auftritten darauf verwiesen, dass sie ihren Erfolg vor allem sich selbst und harter Arbeit zu verdanken hat – Sie sprach darüber auf Kongressen und an Elite-Universitäten, Medien schrieben sie hoch zum Vorbild für Millionen afrikanische Unternehmerinnen und Unternehmer. Dos Santos galt vielen als Beweis, dass man es schaffen konnte.

Einfluss des Vaters war entscheidend

Die “Luanda Leaks” erhärten nun den Verdacht, dass Dos Santos vor allem geschäftlich erfolgreich gewesen ist, weil sie auf die Unterstützung und den Einfluss ihres Vaters vertrauen konnte. Dessen Regierung teilte beispielsweise einer Firma, an der seine Tochter beteiligt ist, eine Mobilfunklizenz zu. Seit 2016 führte Isabel Dos Santos außerdem den staatlichen Ölkonzern Sonangol. Sie wurde abberufen, als ihr Vater aus dem Präsidentenamt ausschied.

Eine angolanische Regierungsstelle sagte dem “Luanda Leaks”-Team, dass man eine Untersuchung eingeleitet habe, zur mutmaßlichen Veruntreuung von hunderten Millionen US-Dollar durch Dos Santos und ihre Helfer aus den staatlichen Öl- und Diamantenfirmen. Allein rund 38 Millionen US-Dollar sind offenbar am Tag der Entlassung von Isabel Dos Santos an der Spitze von Sonangol aus der Firma auf ein Bankkonto in Dubai geflossen sein – die Überweisung wurde nur Stunden nach Dos Santos Abberufung ausgelöst.

Flucht nach vorne

Im Rahmen der Luanda Leaks hat Isabel Dos Santos dem Nachrichtensender BBC ein Interview gegeben: Sie bestreitet, das Geld veruntreut zu haben. Bei der Überweisung nach Dubai handle es sich um legitime Honorare für Beratungsleistungen.

Isabel Dos Santos scheint nun die Flucht nach vorne zu suchen: In demselben Interview wurde sie mehrfach darauf angesprochen, ob sie sich in Zukunft vorstellen könne, als Präsidentin zu kandidieren – Dos Santos wollte das nicht ausschließen.

Mehr zu diesem Thema sehen Sie im Weltspiegel am 19. Januar um 19.20 Uhr im Ersten.

Source: tagesschau.de

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