Inflation: Klimapaket macht Teuerung wieder zum Thema – WELT

Für Ältere war sie stets ein Schreckgespenst, Jüngere wissen kaum noch, was das ist: Inflation. In den vergangenen Jahren lagen die offiziellen Preissteigerungsraten regelmäßig weit unterhalb des Ziels der Europäischen Zentralbank von knapp unter zwei Prozent. Viel mehr Sorge bereitete zuletzt sogar die Sorge vor einem Abrutschen in die Deflation.

Doch jetzt gibt es Anzeichen, dass die Inflation zurückkommt. In einigen Ländern sind die Raten schon sprunghaft gestiegen. Dennoch ist das für die meisten Beobachter nach wie vor kein Thema. „Es bekommt unserer Ansicht nach derzeit nicht die Aufmerksamkeit, die ihm gebühren würde“, stellen die Ökonomen der Bank of America daher fest.

Der Grund: Die meisten Ökonomen glauben derzeit noch nicht daran, dass sich die bisher vereinzelt auftretenden Sprünge zu einer globalen Inflationswelle auswachsen. Allerdings könnte sich das schnell ändern. Und dann wäre vor allem Deutschland besonders stark betroffen, nicht zuletzt aufgrund des Klimapakets der Bundesregierung.

In China stieg die Inflation von 1,7 auf 4,5 Prozent

Das jüngste Beispiel für den Aufwärtstrend bei den Preisen kommt aus den USA. Dort lag die Inflationsrate im Dezember bei 2,3 Prozent, wie am Dienstag bekannt gegeben wurde, der höchste Wert seit über einem Jahr. In Deutschland wird am Donnerstag die endgültige Rate für Dezember veröffentlicht. Doch den vorläufigen Ergebnissen zufolge, die bereits Anfang des Monats publik wurden, dürfte die Rate deutlich gestiegen sein, von 1,1 Prozent im November auf 1,5 Prozent.

Das sind alles noch recht verhaltene Anstiege. Doch in diversen anderen Ländern werden diese schon deutlich übertroffen. Im Nachbarland Polen kletterte die Rate im Dezember von 2,6 auf 3,5 Prozent, in Ungarn von 3,4 auf vier Prozent. Und in anderen Schwellenländern werden sogar schon ganz andere Dimensionen erreicht. In China stieg die Inflationsrate seit Anfang 2019 von 1,7 auf zuletzt 4,5 Prozent, in Indien sogar von zwei auf 7,4 Prozent.

Das Thema Inflation drängt also eigentlich auf die Agenda. Doch die meisten Ökonomen wiegeln nach wie vor ab. „Es gibt bisher keine Lohn-Preis-Spirale“, sagt Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Allianz. Die Preise stiegen zwar wieder etwas schneller, bei den Löhnen tue sich aber nicht viel. Und erst wenn dies der Fall sei, drohe wirklich Gefahr.

Quelle: Infografik WELT

Das sieht Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, ganz ähnlich. „Gerade in den USA ist der Lohndruck nach wie vor gering, obwohl dort eigentlich Vollbeschäftigung herrscht“, sagt er. Im Durchschnitt stiegen die Gehälter zuletzt nur um rund drei Prozent. Das sei sehr komfortabel. „Erst wenn es Richtung vier Prozent geht, wird es kritisch.“ Das sei aber nicht zu erkennen.

In Ländern wie China und Indien wiederum sind es vor allem die Lebensmittelpreise, die die Inflation treiben. In der Volksrepublik grassiert seit Monaten die Schweinepest, weshalb bereits rund die Hälfte des gesamten Schweinebestandes von 300 Millionen Tieren getötet werden musste. Als Folge verdoppelte sich der Schweinefleischpreis allein im Dezember.

Auch in Indien werden bisher vor allem Lebensmittel teurer, daneben auch die Energieversorgung. Da diese Preise stark schwanken, kann es auch schnell wieder einen Rückgang geben.

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Also alles doch kein Problem? Ludovic Subran sieht immerhin doch einige Gefahren. Denn die Lohn-Preis-Spirale könnte auch durch exogene Faktoren in Gang gesetzt werden. So hat Spanien vor einem Jahr den Mindestlohn um fast ein Viertel angehoben. Nun forderte der französische Wirtschaftsminister Bruno Le Maire soeben öffentlich die Unternehmen des Landes auf, die Gehälter zu erhöhen. Und auch in Deutschland gibt es intensive Diskussionen um eine drastische Erhöhung des Mindestlohnes. „Bislang glauben wir nicht, dass solche exogenen Faktoren die Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen“, sagt Subran.

Doch das kann sich eben jederzeit ändern. Und dann wäre Deutschland besonders stark betroffen. Einer der Gründe liegt im Klimapaket der Bundesregierung. „Die Einführung einer CO2-Abgabe von 25 Euro je Tonne ab 2021 wird die deutsche Preissteigerungsrate anheben“, stellen die Ökonomen der Bank of America fest. Sie haben auch ausgerechnet, wie stark der Effekt sein wird. Demnach würde die Inflationsrate in Deutschland allein aufgrund dieser Maßnahme 2021 rund 0,7 Prozentpunkte höher ausfallen als ohne sie.

Den bisherigen Inflationsprognosen zufolge würde die Rate damit zwar dennoch unter zwei Prozent bleiben. Doch das gilt eben nur, solange keine Lohn-Preis-Spirale in Gang kommt oder beispielsweise der Ölpreis nicht deutlich steigt.

Quelle: Infografik WELT

Doch auch eine Inflationsrate von zwei Prozent hätte erhebliche Auswirkungen, insbesondere für Sparer, die ihr Geld auf dem Giro- oder Tagesgeldkonto geparkt haben. Für sie würde sich die schleichende Enteignung damit noch beschleunigen. Denn inzwischen gibt es praktisch nirgends mehr Zinsen, und wenn, dann allenfalls als Lockangebot für eine begrenzte Zeit von einigen Wochen. So schwindet die Kaufkraft des Ersparten Jahr für Jahr.

Ändern würde sich dies nur, wenn die Europäische Zentralbank ihren Kurs ändern würde. Doch zuletzt, im September, hatte sie den Einlagenzins sogar noch weiter gesenkt, auf minus 0,5 Prozent. Diesen Strafzins müssen Banken bezahlen, wenn sie Geld bei der EZB zwischenparken wollen, und dies führt dazu, dass sie sich das Geld bei ihren Kunden mehr und mehr über höhere Gebühren zurückholen. Ludovic Subran geht sogar davon aus, dass die EZB diesen Zinssatz in einem weiteren Schritt nochmals senkt, auf minus 0,6 Prozent.

Das glaubt Holger Schmieding zwar nicht, doch auch er geht von einer langen Durststrecke für Sparer aus. Erst 2022 rechnet er mit einer ersten Zinserhöhung durch die EZB – aber selbst dann wäre dies nur ein Schritt in Richtung null und noch weit entfernt von positiven Zinsen.

Immerhin sieht er aber einen Ausweg für Sparer. Denn für ihn sind keinerlei Anzeichen für eine Rezession und damit auch nicht für einbrechende Kurse an den Aktienmärkten erkennbar. „Nichts von dem, was eine Bereinigung auslösen könnte, ist da“, sagt er, „keine Überinvestitionen, kein Konsumrausch, keine Immobilienblase.“ Und eben auch kein Lohndruck. Zumindest noch.

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Source: welt.de

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