Großbritanniens hoher Tribut – FAZ – Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der britische Premierminister Boris Johnson hält am Dienstag eine Schweigeminute für Todesopfer unter dem medizinischen Personal ab. Bild: Reuters

London hat die Zahl der Corona-Todesfälle stark nach oben korrigiert. Fachleute warnen zudem vor einem Behandlungsnotstand für Patienten, die nicht an Corona erkrankt sind. Lockert die Regierung dennoch bald die Beschränkungen?

Im Königreich mischten sich am Mittwoch persönliche Freudenmomente mit trüben Statistiken – und Warnungen aus der Medizin mit Aufbruchssignalen aus der Politik. Am Morgen wurde bekannt, dass Boris Johnson Vater geworden ist und es dem Jungen und der Mutter „sehr gut“ gehe. Von allen Seiten empfingen der Premierminister und seine Verlobte Carrie Symonds Glückwünsche. Der frühere Tory-Parteichef Iain Duncan Smith sprach von einem „Zeichen der Hoffnung und Erneuerung in einer dunklen Zeit“, der neue Labour-Vorsitzende Keir Starmer von „wunderbaren Nachrichten“. Im Unterhaus sagte er: „Was auch immer uns in diesem Haus unterscheidet, als Menschen verstehen wir alle die unvorstellbaren Sorgen, durch die der Premierminister und Carrie gegangen sind.“ Beide, Johnson und Symonds, hatten sich gerade erst von einer Coronavirus-Infektion erholt.

Obwohl die Zahl der Corona-Patienten, die täglich in britischen Krankenhäusern sterben, seit zwei Wochen zurückgeht, wuchs am Mittwoch die Sorge, dass das Vereinigte Königreich bald die Todesstatistiken in Europa anführen könnte. Zugleich schlugen Ärzte Alarm, dass die Konzentration auf Corona-Patienten das Leben Zehntausender Menschen mit anderen Erkrankungen bedrohe. In dieser Gemengelage mehrten sich die Anzeichen, dass die Regierung in der kommenden Woche dem europäischen Weg folgen und einen Teil der Einschränkungen aufheben will.

Laut den am Mittwoch veröffentlichten und stark nach oben korrigierten Zahlen zählt Großbritannien 26. 097 Tote. Enthalten waren darin erstmals auch Todesfälle in Pflegeheimen und Privathaushalten aus England und Wales. In Europa ist die Zahl der Toten nur noch in Italien höher. Der tendenzielle Rückgang der neu gemeldeten Tode verläuft langsamer als in Italien, Spanien und Frankreich.

Starmer legte am Mittwoch dar, dass Großbritannien bereits mehr als 27.000 Tote zu beklagen habe. Damit wäre Großbritannien schon jetzt das – neben Italien – am stärksten gebeutelte Land in Europa und würde weltweit nur noch von den Vereinigten Staaten übertroffen. Dominic Raab, der Johnson im Unterhaus vertrat, warnte vor internationalen Vergleichen zu diesem Zeitpunkt. Wenn überhaupt, sollten sie die Bevölkerungsgröße berücksichtigen. Zugleich kündigte er an, dass die Zahlen aus Altenheimen von nun an täglich ermittelt und veröffentlicht würden. Zudem stünden erstmals genügend Kapazitäten bereit, um auch Heimbewohner auf das Virus testen zu können.

20 Prozent mehr tote Krebspatienten im kommenden Jahr?

Die Bemühungen, die Coronavirus-Infektionen in den Griff zu bekommen, scheinen mittelfristig einen hohen Tribut von anderen Patienten zu fordern. Fachleute warnten am Mittwoch, dass im kommenden Jahr bis zu 20 Prozent mehr Krebspatienten sterben werden als in anderen Jahren. In England wären das fast 18.000 Menschen. Das Macmillan-Krebshilfezentrum äußerte sich am Mittwoch extrem besorgt und warnte, Krebs (Cancer) dürfe nicht zum „vergessenen C“ werden. Ärztliche Überweisungen zu Krebsuntersuchungen sind seit dem Ausbruch der Pandemie um 76 Prozent zurückgegangen, Chemotherapien um 60 Prozent. Zahlreiche Krebsoperationen wurden verschoben.

Um in den Krankenhäusern den Normalbetrieb wiederaufnehmen zu können, plant die Regierung offenbar, Covid-19-Patienten in Spezialkliniken zu verlegen. Laut Zeitungsberichten bieten sich dafür die fünf neuerrichteten Corona-Zentren an, die bislang kaum genutzt werden. Allein das Londoner Nightingale Hospital, das binnen kürzester Zeit in einem Kongresszentrum entstand, verfügt über 4000 Betten, versorgte in der vergangenen Woche aber nur 26 Corona-Patienten.

Am Montag hatte Johnson von einem „Moment maximalen Risikos“ gesprochen und sich gehütet, einen Zeitpunkt für die Aufweichung der Lockdown-Maßnahmen in Aussicht zu stellen. Aber das entscheidende Kriterium, das die Regierung zur Voraussetzung für Lockerungen anlegte, wurde inzwischen modifiziert. Hieß es bislang, das „Risiko einer erneuten Infektionswelle“ müsse ausgeschlossen sein, ist nun die Rede von einem „zweiten Höhepunkt, der den NHS nicht überlastet“. Die anderen Kriterien – sinkende Infektions- und Todeszahlen, ein funktionierender NHS, genügend Tests und ausreichende Schutzkleidung – gelten, vom letzten abgesehen, als mehr oder weniger erreicht.

Ohne große Ankündigung wurde es mittlerweile Gartenzentren und anderen „nichtessentiellen“ Geschäften erlaubt, ab Montag einen Abholservice einzurichten. Die Kunden dürften dann bestellte Waren in Empfang nehmen, sofern sie das Geschäft nicht betreten, berichteten Zeitungen. Downing Street verhandle außerdem mit Arbeitgebern, wie die Beschäftigten schrittweise an ihre Arbeitsplätze zurückkehren können.

Quelle: F.A.Z.

Source: m.faz.net

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