Ein Patient alle drei Minuten – FAZ – Frankfurter Allgemeine Zeitung

Anfang Januar, als der Coronavirus noch nicht die Schlagzeilen dominierte, machte in China eine rührende Geschichte über eine 92 Jahre alte Ärztin die Runde im Internet. Ao Zhongfang praktiziert seit vielen Jahrzehnten im Volkskrankenhaus der Provinz Jiangsu in Nanjing, 300 Kilometer von Schanghai entfernt. In der Familie gibt es Ärzte seit drei Generationen; Aos Enkelin arbeitet als Medizinerin am Krankenhaus der Harvard-Universität in Amerika. Daheim in China empfängt die Großmutter noch heute 600 Patienten in der Woche.

Hendrik Ankenbrand

600 Patienten? Die Zahl war zwar nicht der Kern der Erzählung. Doch über Chinas Gesundheitssystem, dem aktuell durch die sich ausbreitende Lungeninfektionskrankheit die nächste Riesenherausforderung droht, sagt sie viel aus: 600 Patienten an den vier Tagen, an denen Ao nach eigenen Angaben arbeitet, bedeutet umgerechnet 150 Patienten an einem Tag. In acht Arbeitsstunden wäre das im Schnitt ein Patientengespräch alle drei Minuten.

Ärzte sind in China Mangelware

Dass diese schnelle Taktung kaum einem Leser in China einen Kommentar wert war, ist darin begründet, dass es in der Realität in Krankenhäusern wie dem Huashan-Hospital in der Schanghaier Wulumuqi-Straße noch rasanter zugeht. Vor einem der besten Krankenhäuser der Volksrepublik drängen sich allmorgendlich die Massen schon auf der Straße. Vor den Fahrstühlen im Erdgeschoss des Gebäudes Nummer 2 weisen Ordner mit lauter Stimme und auch mal mit dem Einsatz des Körpers die Menschen in abgesperrte Reihen ein, damit das Chaos nicht überhandnimmt.

Endlich in den oberen Stockwerken der Aufnahme angekommen, heißt es warten: manchmal Stunden, zuweilen Tage. Erst vor den Schaltern der Aufnahme, die die Versichertenkarte registriert. Dann in nicht selten Hunderte Meter langen Schlangen vor der Tür des zugewiesenen Arztes, die sich in schnellen Abständen öffnet. Alle paar Minuten wie bei der 92 Jahre alten Ärztin Ao oder zuweilen auch alle zwanzig Sekunden: klappklapp, klappklapp.

Als im Dezember in Peking der als Metzger arbeitende Sohn einer im Krankenhaus verstorbenen 95 Jahre alten Frau der behandelnden Ärztin die Kehle mit seinem Fleischermesser durchschnitt, da warf das auch ein Schlaglicht auf Chinas krankes Gesundheitssystem, in dem die Kosten hoch, die Zugänge für viele Menschen verbaut und die unterbezahlten Ärzte Mangelware sind. In der Folge begreifen sich die Patienten oft als Opfer und neigen zu Verzweiflungstaten.

Die Hintergründe des Falls in der Hauptstadt sind unklar. Klar ist hingegen, dass in Chinas Krankenhäusern immer mehr die Gewalt um sich greift. Im vergangenen Jahr fragte eine Internetinformationsplattform für Ärzte, ob diese am Arbeitsplatz schon mal von Patienten angegriffen worden seien. 85 Prozent der Befragten antworteten mit Ja. Im Juni tritt nun ein Gesetz in Kraft, das härtere Strafen für jene bereithält, die medizinisches Personal beleidigen, bedrohen oder angreifen.

2014 schnitt sich ein Bauer sein infiziertes Bein selbst ab

Dass Attacken auf Ärzte vom chinesischen Staat fortan als Angriff auf die „öffentliche Sicherheit“ gewertet werden, werde deren Zahl kaum verringern, glauben Fachleute. Das Problem liege nicht in der zu niedrigen Sicherheit in den Krankenhäusern, sondern in der Malaise des Gesundheitssystems an sich, das jedes ernstere Gebrechen für viele zur finanziellen Existenzfrage werden lässt.

Dabei versichert Chinas Staat fast sämtliche der 1,4 Milliarden Menschen, zumindest im Grundsatz. Stadtbewohner und selbständige Bauern zahlen jährlich nur ein paar hundert Yuan (umgerechnet 30 bis 60 Euro). Dafür wird aber auch nur wenig an Kosten zurückerstattet. Die Kappungsgrenze liegt niedrig. Angestellte entrichten rund 2 Prozent ihres Gehalts und erhalten dafür mehr Geld zurück.

Source: faz.net

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