Corona-Hotspot Fleischfabrik: Preis-Debatte falscher Ansatz? „So steigen nur Tönnies‘ Gewinne“ – merkur.de

Die Corona-Krise zeigt Missstände in der Fleischindustrie. Vor pauschalen Preisregeln wird aber gewarnt – am Ende könnten die Falschen profitieren. Experten äußern Erstaunliches.

  • In der Corona-Pandemie* erweisen sich Schlachtbetriebe als Infektionsherde*.
  • Die Forderungen nach Reformen sind aktuell laut – doch das Thema ist nicht unproblematisch.
  • Die Linke warnt, Betriebe wie Tönnies könnten am Ende die Gewinner sein. Ein Spitzen-Koch gibt einen ganz anderen Ratschlag.

München/Gütersloh – Der Fall Tönnies wirft noch einmal ein übles Schlaglicht auf die Fleischindustrie: Verheerende Arbeitsbedingungen, womöglich auch miese sanitäre Einrichtungen – in der Corona-Krise werden diese lange bekannten Missständen auf einmal auch zur Gesundheitsgefahr für ganze Regionen. Und in der Folge zum Wirtschaftsrisiko. Am 23. Juni ging ein ganzer Landkreis in den Lockdown.

Doch wird sich jetzt etwas ändern? Das scheint weiter unklar. SPD, aber auch CDU schmieden Pläne. Möglicherweise gehen sie aber am eigentlichen Problem vorbei, wie die Opposition rügt.

Fleisch und Corona: Was sich ändern könnte – die Ideen der Regierungsparteien im Überblick

Arbeitsschutz: Nach den ersten Corona-Ausbrüchen in der Fleischindustrie im Mai brachten Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und die Bundesregierung strengere Regeln auf den Weg. Ab dem 1. Januar 2021 sollen die umstrittenen Werkverträge verboten sein. Geplant sind auch eine digitale Erfassung der Arbeitszeit, bessere Aufklärung der Arbeitnehmer über ihre Rechte und höhere Bußgelder. Bis zu 30.000 Euro wären dann für Verstöße gegen das Arbeitsschutzgesetz möglich.

Tierwohl: Auch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will nach eigenen Angaben nach dem Fall Tönnies durchgreifen – sie hat die schnell spürbaren Folgen der Betriebsschließungen im Blick. „Das System kann so nicht fortbestehen“, sagte sie der Passauer Neuen Presse. Schlacht-Engpässe setzten die Landwirte unter Druck. Tiere seien nur eine bestimmte Zeit über die normale Mastdauer hinaus zu halten, es gebe Kapazitätsgrenzen in den Ställen. „Hier suchen wir nach Lösungen“, sagte die Ministerin. „Ob die Just-in-time-Produktion und -Lieferung das Wahre ist, bezweifle ich.“ Klöckner strebt nun auch eine Tierwohl-Abgabe an, die auf Fleisch und anderes aufzuschlagen wäre.

Fleischpreise: Nordrhein-Westfalens Umweltministerin, die CDU-Politikerin Ursula Heinen-Esser, denkt auch daran, die Discounter zu reglementieren. Noch mitten in der Corona-Krise hatten Aldi-Pläne, den Fleischpreis weiter zu drücken, für Unmut gesorgt. Fleisch werde häufig sogar unter dem Produktionspreis verkauft, rügte Heinen-Esser in einem Interview mit dem WDR. NRW arbeite an einer Bundesratsinitiative, um die Gesetze gegen unlauteren Wettbewerb zu verändern. Auch die Grünen hatten solche „Lockangebote“ im Mai ins Visier genommen. Heinen-Esser gab allerdings auch dem Handel eine Mitschuld am Status Quo.

Fleisch als Corona-Faktor: Linke warnt vor Preisdebatte – „Wird lediglich die Gewinne von Tönnies erhöhen“

Die Linke hält allerdings wenig von der Debatte um höhere Fleischpreise – sie lenke nur „vom Kern des Problems“ ab. „Wenn man einfach nur die Preise erhöht, werden lediglich die Gewinne von Tönnies und Co. steigen“, erklärte Fraktionschefin Amira Mohamed Ali am Dienstag. „Die Arbeits- und Produktionsbedingungen werden sich nur ändern, wenn der Staat in der Fleischbranche hart durchgreift“. Dabei reiche es nicht, Werkverträge zu verbieten – auch Unterbringung und Gesundheitsschutz der Mitarbeiter müssten verbessert werden. Und: „Die Strafen für Verstöße müssen so hoch sein, dass sie auch einen Milliardär wie Herrn Tönnies empfindlich treffen.“

Ihr grüner Amtskollege Anton Hofreiter hatte sich vor einigen Tagen ähnlich geäußert. „Fleischfabriken sind riesige Ansteckungsherde aufgrund der miserablen Unterbringung der Beschäftigten, der schlechten hygienischen und klimatischen Bedingungen*“, sagte er. Es handle sich um ein „systematisches Problem“, erklärte auch der Grüne. Hofreiter forderte „flächendeckende Kontrollen“ und besseren Arbeitsschutz.

Corona: Fleischpreise in der Kritik – 20 Prozent mehr Lohn, nur ein Prozent Aufschlag fürs Schnitzel?

Ebenfalls durchaus brisant in der Debatte um den Fleischpreis: Ein Experte hält den Zusammenhang zwischen Arbeitslöhnen und Fleischpreis für sehr überschaubar. In Großschlachtereien sei der Anteil der Lohnkosten am Schnitzel-Endpreis bei ungefähr fünf Prozent, sagte Achim Spiller, Professor für Agrarökonomie, dem WDR. Bekämen Schlachthofarbeiter 20 Prozent mehr Lohn, würde der Schnitzelpreis gerade mal um ein Prozent steigen.

Die Einschätzung des Wissenschaftlers der Uni Göttingen könnte in einigen Ohren entmutigend klingen. Nötig seien europaweit gleiche Regeln und Mindeststandards bei den Fleischkosten. Ähnliches hatte auch CSU-Chef Markus Söder gefordert. Doch ganz so aussichtslos wie bei anderen Versuchen internationaler Wettbewerbsregulierung ist die Lage wohl nicht. Denn gefragt ist laut Spiller vor allem der „Dumpingmeister“ Deutschland. Länder wie Dänemark und Frankreich forderten seit langem ein Nachsteuern von der Regierung Merkel – nun stünden die Chancen dafür gut, meint er.

Frisch geschlachtete Schweine hängen am in einem Kühlhaus des Fleischunternehmens Tönnies.

© dpa / Bernd Thissen

Höhere Preise für Fleisch, Milch und Eier hätte aber auch ein möglicher anderer Plan der Bundesregierung zur Folge – er würde bei der Landwirtschaft ansetzen. Experten hatten vorgeschlagen, Tieren mehr Platz im Stall zu lassen und “möglichst Kontakt zu Außenklima” zu ermöglichen. Die anfallenden Umbau- und Haltungskosten sollen durch eine Verbrauchssteuer finanziert werden. Das Expertengremium schlug Aufpreise von 40 Cent pro Kilo Fleisch, zwei Cent pro Kilo Milch und pro Ei sowie 15 Cent pro Kilo Käse oder Butter vor.

Corona-Krise: Fleischbetriebe als Infektionsherde – „schade, dass man dieses Corona nicht konsumieren kann“

Einen ganz anderen Ausweg skizzierte unlängst der Spitzenkoch und Biobauer Franz Keller in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk. „Diese Arbeitsbedingungen am Ende der Kette, sage ich mal, für diese Menschen, die haben wir zu verantworten, jeder der dieses Fleisch kauft“, sagte er mit Blick auf die Misere bei Tönnies und Konsorten. „Wir ernähren uns falsch, weil wir zu billiges Fleisch konsumieren, und zwar viel zu viel.“

„Wir müssen einfach weniger essen, weniger Fleisch essen, weniger Wurst“, betonte Keller. Auch Käse, Butter und andere Milchprodukte seien Teil des Problems. Zum Vegetarismus oder Veganismus rufe er aber nicht auf – auch diese Lebensweisen seien „Extremismus“, urteilte er. Er empfahl, Lebensmittel mit kurzer Zutatenliste zu kaufen, sowie „frische“, „gute“ und regional erzeugte Lebensmittel.

Auch einen drastischen Gedanken äußerte Keller. „Eigentlich ist es schade – und das klingt ziemlich böse –, dass man dieses Corona nicht noch konsumieren kann über das, was man da zu sich nimmt“, erklärte er. „Das wäre vielleicht dann wirklich mal ein ziemlich schnelles direktes Umdenken.“

Ob die Übertragung über Fleischprodukte möglich ist, ist unter Fachleuten umstritten. Mittlerweile scheint jedenfalls nachvollziehbar, in welchen Produkten Tönnies-Fleisch steckt. (fn mit Material von dpa)

Christian Drosten befürchtet in Deutschland eine baldige Verschärfung der Lage, wie er in seinem Podcast offenbart.

Ein polnischer Fleischzerleger beschreibt seinen Knochenjob bei dem Fleischfabrikanten Tönnies – die Details sind erschütternd.

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Rubriklistenbild: © dpa / David Inderlied (Montage: Merkur.de)

Source: merkur.de

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