Erweiterung der Währungsunion: “Nur die Schwachen drängen noch in den Euro” – SPIEGEL ONLINE

EU-Chefin von der Leyen würde gern den Euroraum erweitern. ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann warnt: Nur die ärmsten Länder in Osteuropa seien noch an der Gemeinschaftswährung interessiert.

Auf dem Weg in den Euro: Kroatische und EU-Fahnen in Zagreb (Archivbild)
Darko Bandic / AP

Auf dem Weg in den Euro: Kroatische und EU-Fahnen in Zagreb (Archivbild)

Kann der Euro überleben? Das war zeitweise die dominierende Frage, wenn über die europäische Gemeinschaftswährung berichtet wurde. Angesichts der Krise in Ländern wie Griechenland oder Portugal war die Aufnahme neuer Mitglieder die geringste Sorge der Währungsunion. Mittlerweile aber scheint die Eurokrise überwunden, und eine Erweiterung der Eurozone ist wieder Thema. Auch die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich dafür ausgesprochen.

Wachsen könnte der Euro vor allem in Osteuropa: Zuletzt führten dort die drei baltischen Staaten die Gemeinschaftswährung ein, auch in Slowenien und der Slowakei kann man schon mit Euro bezahlen. Die nächsten Mitglieder könnten Kroatien und Bulgarien sein, die Kroaten haben gerade den nächsten Schritt in Richtung Gemeinschaftswährung gemacht.

Doch wie attraktiv ist der Euro überhaupt noch? Friedrich Heinemann und Kollegen am Mannheimer ZEW-Institut haben mit Unterstützung der Brigitte Strube Stiftung die Stimmungslage in Osteuropa untersucht. Die Forscher kommen zu einem ernüchternden Ergebnis.

SPIEGEL ONLINE: Kroatien will den Euro einführen. Euro-Gruppen-Chef Mario Centeno sieht das als Beleg dafür, dass die Gemeinschaftswährung ein “stabiler Anker” ist und weitere Mitglieder anzieht. Stimmen Sie zu?

Heinemann: Nein. Das ist ein typisches Beispiel für Brüsseler Selbstzufriedenheit und fehlende Fähigkeit zur Selbstkritik. Die Attraktivität des Euro hat durch die Krise stark gelitten – das zeigen Eurobarometer-Umfragen in Osteuropa. In Ländern wie Tschechien oder Polen sprechen sich inzwischen sogar deutliche Mehrheiten gegen eine Euro-Einführung aus.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile gilt die Eurokrise als überwunden. Warum steigt die Zustimmung nicht wieder?

Heinemann: Wahrscheinlich, weil Länder wie Griechenland durch dauerhafte Schuldentransfers gerettet wurden. Die werden in Osteuropa überwiegend skeptisch gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Die Eurokrise hat gezeigt, wie ungleich schon die bisherigen Mitglieder sind. Ist es überhaupt wünschenswert, die Währungsunion jetzt noch stärker zu erweitern?

Heinemann: Nach den Erfahrungen der Krise sollte man tatsächlich genauer schauen, ob ein Land zum Euro passt. Der Theorie nach ist eine gemeinsame Währung vor allem für Länder sinnvoll, die wirtschaftlich miteinander verbunden sind. Das macht ein Land wie Polen auf Dauer zum naheliegenden Euro-Mitglied.

Zur Person
  • Friedrich Heinemann leitet den Bereich “Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft” am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim und ist außerplanmäßiger Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Heidelberg. Er forscht zu Fragen der europäischen Integration, des Föderalismus und der Steuer- und Fiskalpolitik.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Heinemann: Polen ist durch Handel eng mit uns verzahnt, viele polnische Arbeitnehmer arbeiten auch in Deutschland. Und Polen hat bewiesen, dass es mit ökonomischen Schocks klarkommt: Es war das einzige Land in der EU, das in der großen Rezession von 2009 eine positive Wachstumsrate hatte. Für eine Währungsunion ist all das gut. Auch andere wirtschaftlich starke Länder in Osteuropa wären eigentlich Kandidaten für den Euro.

SPIEGEL ONLINE: Aber sie haben wenig Interesse?

Heinemann: Es gibt zwar Interessenten, aber nur die Schwachen drängen noch in den Euro. Mit Kroatien und Bulgarien klopfen jetzt die zwei ärmsten Länder der EU an. Die hoffen auf Umverteilung und Schuldengarantien innerhalb der Eurozone. Wirtschaftlich aber sind sie weniger für einen Beitritt geeignet – auch weil sie schlecht auf einen eigenen Wechselkurs verzichten können.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie das Desinteresse der übrigen Osteuropäer?

Heinemann: Sie sind der EU unter der Annahme beigetreten, dass deren Verträge gelten. Zum Beispiel die sogenannte Nichtbeistandsklausel, die ausschließt, dass Staaten in Krisenzeiten füreinander haften. Durch Instrumente wie den Eurorettungsfonds oder die geplante gemeinsame Einlagensicherung haben die Westeuropäer einseitig die Verträge geändert. Ein Vertrauensbruch. Die Osteuropäer sehen die Eurozone dadurch deutlich skeptischer.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte der Euro wieder attraktiver werden?

Heinemann: Indem man interessierten Ländern versichert: Nach einem Beitritt haftet ihr nicht automatisch für Südeuropa. Bei unserer Studie sind wir unter osteuropäischen Ökonomen auf große Unterstützung für das Prinzip der Gläubigerhaftung gestoßen – dass also Investoren und nicht die Bürger anderer Länder für Staatsschulden haften sollen.

SPIEGEL ONLINE: Diese Linie vertritt auch die Bundesregierung.

Heinemann: Ja. Bei der Abwehr neuer Transfers zwischen niedrig- und hochverschuldeten Ländern könnten osteuropäische Staaten zu neuen Verbündeten für Deutschland werden.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht will der Osten der EU ja auch generell weniger Solidarität. Die war schließlich auch in der Flüchtlingskrise sehr begrenzt. Die Unterstützung einer europäischen Armee ist Ihrer Studie zufolge ebenfalls geringer als im Westen.

Heinemann: Die Skepsis gegenüber einer gemeinsamen Armee erklären wir uns damit, dass die Osteuropäer der Nato hier mehr zutrauen als der EU. Aber sicherlich gibt es auch eine Strategie der Rosinenpickerei: Den Binnenmarkt oder die EU-Fördermittel würde man im Gegensatz zu Schuldentransfers nie infrage stellen.

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