Wachkoma-Patient in Frankreich: Vincent Lambert stirbt nach Behandlungsstopp – SPIEGEL ONLINE

Vincent Lambert lag seit zehn Jahren im Wachkoma. Nun ist der 42-Jährige gestorben. Zuvor hatte Frankreichs höchstes Gericht entschieden: Die Ärzte dürfen die lebenserhaltenden Maßnahmen einstellen.

Wachkoma-Patient Vincent Lambert im Jahr 2015
COURTESY OF THE FAMILY/ AFP

Wachkoma-Patient Vincent Lambert im Jahr 2015

Nach jahrelangem Rechtsstreit ist der französische Wachkoma-Patient Vincent Lambert tot: Der 42-jährige starb am Morgen in der Uniklinik in Reims, wie seine Familie mitteilte. Die Ärzte hatten die künstliche Ernährung des Mannes vor gut einer Woche gegen den Widerstand der Eltern eingestellt.

Die Mediziner der Uniklinik hatten dies bereits vor gut einem Monat zum ersten Mal veranlasst. Wenige Stunden später ordnete ein französisches Berufungsgericht jedoch überraschend die Wiederaufnahme an. Der Kassationshof, Frankreichs höchstes Gericht, hob diese Entscheidung Ende Juni auf.

Lambert zog sich vor rund zehn Jahren bei einem Verkehrsunfall schwere Verletzungen am Kopf zu. Seitdem befand er sich in einem vegetativen Zustand. Das heißt in der Regel, dass Patienten zwar die Augen offen haben und wach erscheinen, aber keinen Gegenstand fixieren und auch nicht mit Sprache oder Bewegungen auf äußere Einflüsse reagieren. Das Stammhirn ist aber noch aktiv, Blutdruck, Atmung und viele Reflexe werden weiter geregelt.

Die Familie des früheren Krankenpflegers ist zerstritten. Seine katholischen Eltern und seine Geschwister waren gegen die Einstellung der Pflege. Sie wollten seinen Tod mit aller Macht verhindern und hatten sich in Frankreich durch sämtliche Instanzen geklagt. Sie scheiterten dort immer wieder und auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

“In Würde gehen lassen”

Lamberts Ehefrau wollte ihn dagegen “in Würde gehen lassen”. Ihr Mann habe sich nie gewünscht, dass sein Leben künstlich verlängert werde, sagte sie vor einigen Jahren. Eine Patientenverfügung von Lambert gibt es allerdings nicht.

Am Dienstag vergangener Woche hatte Lamberts behandelnder Arzt die künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr eingestellt. Zuvor waren medizinische Gutachter zu dem Ergebnis gekommen, dass Lambert nicht mehr bei Bewusstsein sei und sein Zustand sich auch nicht bessern werde.

Seine Eltern argumentierten, ihr Sohn sei lediglich schwer behindert. Zuletzt sagte auch ihr Anwalt jedoch dem Sender Franceinfo: “Wir können uns heute nicht mehr vorstellen, den tödlichen Prozess aufzuhalten.” Weiter vor Gericht gegen den Stopp der Behandlung vorzugehen, sei “unangemessene Hartnäckigkeit”.

Doch ob der Streit nun vorbei ist und sich die Familie vielleicht sogar versöhnen wird, ist offen. Die Eltern haben bereits eine Klage gegen die Ärzte Lamberts eingereicht. Sie werfen den Medizinern vor, ihren Sohn ermordet zu haben. Die Staatsanwaltschaft leitete eine Untersuchung ein. In einer Mitteilung der Anwälte der Eltern ist von einem “Verbrechen des Staates” die Rede. Auf die Würde eines behinderten Menschen sei keine Rücksicht genommen worden. Der Tod ihres Sohnes und die Einstellung der Behandlung seien ein “schändlicher Fehler”.

In Deutschland gilt das Einstellen künstlicher Ernährung als passive Sterbehilfe, die nicht strafbar ist. Voraussetzung dafür ist jedoch der ausdrückliche Wille des Patienten. Seit 2009 können Bürger in einer Patientenverfügung im Vorhinein schriftlich festlegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen medizinisch behandelt werden möchten.

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