Studie zu Auswanderern:Warum Deutsche ihre Heimat verlassen – n-tv NACHRICHTEN

Die Deutschen sind ein überaus mobiles Volk. Hunderttausende leben kurzzeitig oder dauerhaft im Ausland. Das hat verschiedene Gründe. Eine aktuelle Studie veranschaulicht, welche das sind und nennt zugleich den Zufluchtsort Nummer eins.

Die Straßen sind marode. Die Ausstattung der Schulen lässt zu wünschen übrig. Der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt. Es gäbe viele wahre und vermeintliche Gründe, Deutschland den Rücken zu kehren und sein Glück im Ausland zu versuchen. Doch nur die wenigsten Auswanderer verlassen tatsächlich ihre Heimat, weil sie mit der Situation in Deutschland unzufrieden sind. Das zeigt eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) und der Universität Duisburg-Essen, die in Berlin vorgestellt wurde.

Zwischen Juli 2017 und Juni 2018 befragten die Forscher mehr als 10.000 deutsche Staatsbürger, die ins Ausland gezogen oder aus dem Ausland wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind. Sie lebten in 169 Ländern. Die sogenannte “German Emigration and Remigration Panel Study” (GERPS) gibt Aufschlüsse darüber, warum Deutsche temporär oder dauerhaft auswandern und was sie später wieder in ihre Heimat treibt.

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In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der deutschen Auswanderer der GERPS zufolge kontinuierlich gestiegen. “Zurzeit leben rund vier Millionen Deutsche im Ausland”, sagt BiB-Direktor Norbert F. Schneider. Das entspricht rund fünf Prozent der deutschen Bevölkerung. Die überwiegende Mehrheit hält sich in OECD-Ländern auf.

Doch wer glaubt, dass die Ausreisenden vor allem in weit entfernten Ländern einen Neuanfang versuchen, liegt falsch. Vielmehr ist ein europäisches Nachbarland der beliebteste Zufluchtsort: die Schweiz. Hier registrierten die Forscher 200.000 Fortzüge in den vergangenen zehn Jahren. Auf den Rängen danach folgen die USA (127.000), Österreich (108.000) und das Vereinigte Königreich (82.000).

“Auswanderung ist eine Domäne der Hochqualifizierten”

Jeder dritte im Rahmen von GERPS Befragte gibt an, dass er oder sie dauerhaft im Ausland leben wollen. Bei denjenigen, die wieder zurückgekehrt sind, zeigt sich jedoch: 60 Prozent hielten es maximal fünf Jahre fernab der deutschen Heimat aus. Frauen und Männer zieht es dabei gleichermaßen in die weite Welt. Die Menschen, die tatsächlich Deutschland verlassen, sind allerdings überwiegend jung. Ihr Durchschnittsalter beträgt 36,6 Jahre. Das Durchschnittsalter in Deutschland liegt dagegen zehn Jahre darüber.

“Auswanderung ist eine Domäne der Hochqualifizierten”, erklärt der Soziologe Marcel Erlinghagen von der Universität Duisburg-Essen. Drei von vier Studienteilnehmern besitzen einen Hochschulabschluss – der Vergleichswert in der deutschen Bevölkerung liegt bei gerade einmal 25 Prozent. Das passe zur Motivlage, sagt Erlinghagen. Es seien vor allem Chancen im beruflichen Umfeld, die die Menschen ins Ausland treiben.

Bei vielen besteht den Forschern zufolge zudem der Wunsch, einen bestimmten Lebensstil zu verwirklichen. Darunter seien etwa auch Rentner, die wegen des Klimas am Mittelmeer heimisch werden, sagt Schneider. Nur eine Minderheit gebe an, unzufrieden in Deutschland zu sein und deswegen auszuwandern. Insgesamt herrsche ein “Motivbündel” vor, auf dessen Grundlage entschieden würde.

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Für diejenigen, die den Schritt eines internationalen Umzugs wagen, lohnt sich das Risiko. Egal ob sie einen Bachelor, Master, Doktor oder keinen Hochschulabschluss besitzen: Im Durchschnitt verdienen sie im Ausland knapp 1186 Euro netto mehr im Monat, wenn sie Vollzeit arbeiten.

“Brain circulation” statt “brain drain”

Doch wenn es darum geht, seinem Partner ins Ausland zu folgen, entscheiden sich vor allem Frauen für diese Variante. “Auswanderer folgen eher klassischen Rollenbildern”, sagt Erlinghagen. Das bedeutet, die Karriere der Männer hat unter den Kosmopoliten mehr Bedeutung als die der Frauen. Bei Letzteren liege eine leicht höhere Wahrscheinlichkeit vor, durch einen internationalen Umzug temporär aus dem Beruf auszusteigen und nach der Rückkehr in diesen wieder einzusteigen, ergänzt Forschungsgruppenleiter Andreas Ette.

Im Durchschnitt wandern 180.000 Menschen jedes Jahr aus. 129.000 Deutsche kehren dagegen wieder zurück. Die Gründe dafür sind in der Familienplanung zu finden. Kinderlose Paare bilden einen größeren Anteil bei denjenigen, die auswandern, als bei denjenigen, die zurückgekehrt sind. Das mag einleuchten: Gibt es keine Verpflichtungen etwa durch Sprösslinge, die noch zur Schule gehen, fällt es den Menschen leichter, ihr Leben in Deutschland aufzugeben. Zumindest für einen begrenzten Zeitraum.

Ein anderer Grund, dem Fernweh nicht länger nachzugeben: Die sozialen Kontakte verkümmern. Für viele Menschen ist es schwer, regelmäßig mit ihren besten Freunden oder Verwandten zu korrespondieren oder sie zu besuchen, wenn sie Tausende Kilometer entfernt leben. Für 36 Prozent der Befragten wirkt sich der Umzug ins Ausland negativ auf den Freundes- und Bekanntenkreis aus, schreiben die Studienautoren. Auf lange Sicht kann das zur Belastung werden.

Dennoch gilt, wie Direktor Schneider klarstellt: “Über die letzten 10 Jahre hat sich jedes Jahr eine Stadt mit 50.000 Einwohnern durch Auswanderung aus Deutschland wegbewegt.” Bedeutet das angesichts der hohen Berufsabschlüsse der Auswanderer einen “brain drain” – also einen nachhaltigen Verlust von Fachkräften? Die Forscher beschwichtigen. Der oft zitierte Fachkräftemangel sei in den nächsten 15 Jahren aus demografischen Gründen nicht zu erwarten, sagt Schneider. Zudem gebe es bei den Bleibeabsichten einen negativen Zusammenhang, sagt Ette: je höher qualifiziert desto kürzer die Aufenthaltsdauer im Ausland. Daraus schlussfolgern die Autoren eine “brain circulation” – also eines Kreislaufs kluger Köpfe.

Source: n-tv.de

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