Markus Lanz: Natascha Kampusch kämpft weiter gegen Hass – und schockt die Zuschauer – Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Berlin.  Vor 13 Jahren floh Natascha Kampusch aus dem Kellerverlies. Bei „Lanz“ erzählt sie, mit wie viel Hass sie noch immer zu kämpfen hat.

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„Wie geht es Ihnen?“, fragt Markus Lanz. Der Moderator ist bemüht, eine entspannte Atmosphäre herzustellen. Natascha Kampusch (31) ist zu Gast. Eine Frau, deren Geschichte noch immer sprachlos macht.

Sie geht auf den leichten Ton ein, lächelt fein. Sagt mit heller, ein wenig dünner Stimme „gut“ und dass sie sich freut, „hier zu sein“. Kampusch ist dezent geschminkt. Sie wirkt nicht mehr so verkrampft wie bei früheren TV-Auftritten. Aber man spürt diese Unsicherheit und auch Unlust, die Rolle eines der berühmtesten Entführungsopfer zu übernehmen.

Lanz spricht mit Kampusch auch über sensible Fragen wie etwa Selbstmord. Es wird leise im Studio, als die 31-Jährige erzählt, dass sie darüber nicht nachgedacht habe. Oder sagt, dass ihr Menschen den Suizid gewünscht haben: „Ab und zu habe ich so drüber nachgedacht, ob es den anderen Leuten vielleicht lieber wäre, wenn ich Selbstmord begehen würde. Es gab auch Menschen, die mir so was geschrieben hatten. Es gab auch Menschen, die mir so was gesagt hatten.“

Neben Kampusch saßen diese Gäste bei Lanz:

  • Corinna Milborn, Journalistin: Vertraute von Kampusch, analysiert die Berichterstattung über den Fall
  • Michael Schulte-Markwort, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie
  • Anne Deimel, Pädagogin und Vize-Vorsitzende des Landesverbandes Bildung und Erziehung NRW, beschäftigt sich mit den Folgen Lehrermangels

„Markus Lanz“: Natascha Kampusch – wer ist das eigentlich?

Lanz sagt, er habe Natascha Kampusch jetzt zum dritten Mal zu Gast. Sie habe sich verändert. Sie sei offener geworden. Ob das stimmt, fragt er. Ja, das sei richtig. Dann sagt sie noch: „Ich habe daran gearbeitet, herauszubekommen, wer ich war.“

Wer war sie, bevor sie entführt wurde? Und wer danach? Und wer war sie während ihres Martyriums? Das wisse sie gar nicht so genau. Wer sie war, dieses Bild habe ja die Öffentlichkeit von ihr gezeichnet. Und dieses Bild dann bespuckt, im übertragenen Sinne. „Mein Fehler war, denen überhaupt zuzuhören.“

Kampusch hat noch immer keine Seelen-Heimat finden können

Oft spricht Natascha Kampusch reflektiert. Wenn es aber um ihre Verletzungen geht, dann wird sie fast kleinlaut, dann spürt man die Trauer in jedem dieser wenigen Worte, die auf erschütternde Weise deutlich machen, dass sie auch 13 Jahre nach ihrer Flucht noch keine Seelen-Heimat gefunden hat.

Immer wieder diese Anfeindungen, diese Beleidigungen – sie hatte schon überlegt, Österreich zu verlassen. Aber wohin?

„Die Leute haben mit dem Finger auf mich gezeigt“

Dass sie angepöbelt wurde, habe schon kurz nach ihrer Befreiung eingesetzt und halte bis heute an. Ob auf der Straße oder in der Bahn – „die Leute haben mit Fingern auf mich gezeigt.“ Und hätten dann abfällig gesagt: „Das ist die Kampusch.“ Sie hätte sich Distanz gewünscht. Oder Anteilnahme. Doch das habe man ihr verweigert.

Manche haben ihr einfach ins Gesicht geschleudert, es wäre besser gewesen, wenn sie in dem Keller geblieben wäre. Ihr Gesicht bekommt dann dieses Undurchdringliche. Fast etwas Kaltes, wenn sie sagt „unterste Schublade“. Es seien viele Menschen um sie herum gewesen. Manche seien freundlich gewesen. Viele aber auch „rau“.

• Porträt:
Aus dem Verlies in die Freiheit – Natascha Kampusch wird 30

Kampusch nutzte einen unbeobachteten Moment, um zu flüchten

Ihre Geschichte macht auch heute noch fassungslos: Am 2. März 1998 wurde das zehnjährige Mädchen auf offener Straße in einen Kastenwagen gezerrt und entführt. Achteinhalb Jahre lang hatte Wolfgang Priklopil sie in einem Kellerverlies eingesperrt – Gewaltexzesse und Mangelernährung inklusive. Am 23. August 2006 dann hat sie einen unbeobachteten Moment genutzt und konnte entkommen.

Wer so etwas schafft, ist eine Heldin. Sie aber wurde vor allem eins: ein Medienereignis. Man habe ihr Millionen für eine Exklusivgeschichte geboten.

Natascha Kampusch wollte die Opferrolle nie annehmen

Auf einem der ersten Fotos, das durch die Medien geht, lächelt sie. Das war eine Irritation. Jemand, der die Hölle erlebt hat, lächelt nicht. Ein Opfer muss sich wie ein Opfer verhalten. Doch Natascha Kampusch hat die Opferrolle durchbrochen, ja verweigert. Das nahm ihr die Öffentlichkeit übel.

Die Journalistin Corinna Milborn sagt, dass es immer so war, dass Frauen, die Opfer wurden, keinen Platz in der Öffentlichkeit haben durften. Vor allem und ganz besonders nicht die Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden.

Die Gesellschaft projiziert die Schuld auf das Opfer

Der Psychiater Michael Schulte-Markwort deutet das Misstrauen, das ihr entgegen gebracht wurde, gar als „plausible“ Reaktion. „Die Gesellschaft brauche ein Ventil, um mit dem eigenen Druck umzugehen.“ Ein Verbrecher von nebenan, dessen Exzesse sich in der Nachbarschaft abspielten – so etwas versuche der Mensch sofort auszublenden, weil er es weder aushalten noch wahrhaben will.

In einer Art „Projektion“ würde die Schuld vom Täter auf das Opfer projiziert, so der Psychiater. Kampusch hört sehr gut hin. Und nickt viel. Sie habe sich eben auch sehr viele Gedanken gemacht, warum sie die Leute so wütend gemacht habe. Und sich die Schuld gegeben. Und nicht gewusst, welche Schuld sie eigentlich hatte.

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Verschwörungstheorien machen es Kampusch zusätzlich schwer

Ganz furchtbar habe sie unter den Verschwörungstheorien gelitten: Sie selbst hätte die Entführung inszeniert, um an das große Geld zu kommen. Bis in höchste Justizkreise habe sich so etwas verbreitet. „Ein kleines Mädchen soll das gemacht haben?“

Warum sie nicht Schutz gesucht habe, fragt Lanz. „Wollten Sie erst anonym bleiben?“ „Ja“, sagt sie. Warum sie es nicht tat, kann sie nicht wirklich erklären. Zumindest findet sie nicht die Worte dafür. Das sind mit die intensivsten Momente des Abends, weil Kampusch eben nicht auf jede Frage gleich eine bestens ausformulierte Antwort hat.

Manches klingt sogar ein wenig unbeholfen. Wie dieses: Wenn sie anonym geblieben wäre, hätte sie ja gar nicht ihr drittes Buch schreiben können. Manchmal hat sie diese kindliche Logik, die sie aber auch sehr warm und menschlich macht. Auch interessant:
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Lanz wirkt so, als wolle er Natascha Kampusch trösten

Ihr drittes Buch heißt „Cyberneider. Diskriminierung im Internet“, weil man auch im Netz kübelweise Häme über sie niedergehen ließ. Lanz sagt ganz vorsichtig, dass sie dieses Spiel mit der Öffentlichkeit auch mit den Büchern befeuere. Was sie ja auch müsste, schließlich müsse sie ja auch Geld verdienen.

„Irgendwie haben Sie ja Recht“, antwortet sie. Sie habe da viel darüber nachgedacht. Fast sieht es so aus, als wolle Lanz sie trösten. Er sagt aber, dass es doch völlig legitim sei. Ob sie sich jetzt frei fühle, fragt er am Ende.

„Ja, schon“, sagt sie, aber es sei da auch der Gedanke, dass es doch nicht so ist. Was sie genau damit meint? Das konnte sie nicht sagen. Aber die Zuschauer hatten sie schon verstanden.

Markus Lanz in der Mediathek anschauen

Zur Ausgabe von „Markus Lanz“ mit Natascha Kampusch in der Mediathek.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und y0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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Source: waz.de

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