Homophobie und Transphobie: “Auch Omma und Oppa fahren heute zum CSD, um was Buntes zu sehen” – ZEIT ONLINE


“Auch Omma und Oppa fahren heute zum CSD, um was Buntes zu sehen” – Seite 1

An einem Nachmittag im Juli treffen sich sechs Mitglieder der ZEIT-ONLINE-Community in der Redaktion. Sie haben auf einen Aufruf reagiert, der wenige Wochen zuvor veröffentlicht worden ist. Anlässlich der Abschaffung des Paragrafen 175 vor 25 Jahren hatten wir unsere Leserschaft darum gebeten, uns ihre Erfahrungen mit Homo- und Transfeindlichkeit zu schildern.

Die jüngste Teilnehmerin Stella Münster ist 29 Jahre alt, der älteste Teilnehmer Jochen Nassauer ist 74. Auf unseren Aufruf hin meldeten sich zudem Tanja Seeger, 30, und Michael Stölting, 57. Zudem baten wir Till Lahl, 31, und Linus Giese, 33, dazu. Bis auf Linus Giese baten uns alle Teilnehmenden darum, ihre Namen zu anonymisieren.

Als weiterer Anlass für unseren Austausch kommt ein zweites Jubiläum hinzu. 50 Jahre ist es her, dass homosexuelle und transgeschlechtliche Menschen sich im Juli 1969 in New York gegen Polizeigewalt zur Wehr setzten: ein Ereignis, dem weltweit jährlich mit dem Christopher Street Day gedacht wird.

Was bedeutet queeres Leben ein halbes Jahrhundert nach dem Initiationsmoment der LGBT-Bewegung und 25 Jahre nach Ende der Illegalisierung schwuler Liebe?  

ZEIT ONLINE: Wir haben Sie eingeladen, um über Homo- und Transfeindlichkeit ins Gespräch zu kommen. Die meisten von Ihnen wollen anonym bleiben. Warum eigentlich?

Stella Münster: Ich bin Lehrerin. Mir graut weniger vor den Schülern als vor deren Eltern. Es gibt noch immer genug Menschen, die denken, dass ihr Kind homosexuell wird, sobald es mit einer lesbischen Frau allein im Raum ist. Besonders da ich im Referendariat stecke, kann ich mir keine Konfrontationen erlauben.

Jochen Nassauer: Ich habe 40 Jahre lang als Allgemeinarzt in Hamburg gearbeitet und Hunderte von HIV-Patienten betreut. Ich habe meine sexuelle Orientierung selten zum Thema gemacht, und ich möchte sie auch im Nachhinein nicht publik machen.

Till Lahl: Bei meiner Arbeit im Non-Profit-Bereich habe ich noch nie Diskriminierung erfahren. Ich habe vielmehr Angst davor, meine Familie vor den Kopf zu stoßen, wenn ich unter Klarnamen auftrete. Unabhängig davon ist es mir egal, wer von meiner sexuellen Orientierung weiß.

Tanja Seeger: Ich möchte es nicht an die große Glocke hängen, denn ich arbeite am Gericht und habe dort viel Publikumskontakt. In schwierigen Verfahren möchte ich sicherstellen, dass die Leute keine Details über mich wissen, die nicht ihren Normvorstellungen entsprechen.

Linus Giese: Diese Zurückhaltung ist verständlich. Aber solange es keine Repräsentanz in der Öffentlichkeit gibt, werden die Betroffenen weiter Angst vor den Konsequenzen eines Outings haben. Ich selbst hatte gar nicht vor, zum Aushängeschild der trans Community zu werden. Aber es gibt auf Twitter keinen anderen deutschen trans Mann, der unter seinem echten Namen über sein Leben schreibt.

Homophobie und Transphobie: "Es ist wichtig, dass ich sichtbar bin."
“Es ist wichtig, dass ich sichtbar bin.”

ZEIT ONLINE: Herr Giese, Sie sind der Einzige in der Runde, dessen Namen wir in der Veröffentlichung nennen dürfen. Sie thematisieren Ihre Transgeschlechtlichkeit ohnehin in der Öffentlichkeit. Haben Sie diese Entscheidung schon mal bereut?

Linus Giese: Ich bedauere sie ständig. Ich habe jedoch zuvor acht Jahre lang über Literatur gebloggt. Ich wusste also, dass ich, wenn ich weiter bloggen möchte, öffentlich erklären muss, warum ich jetzt einen anderen Vornamen habe. Deswegen stand Heimlichkeit nie so richtig zur Debatte. Ich habe viele zugewandte Reaktion erhalten – werde seitdem jedoch auch permanent online bedroht und beschimpft. Hätte ich das vorher geahnt, hätte ich mich vielleicht anders entschieden. Jetzt glaube ich aber auch, dass es wichtig ist, dass ich sichtbar bin.

Coming-out – Was ich meinem jungen Ich heute sagen würde Andrea hatte ihr Coming-out am Arbeitsplatz mit 55 Jahren, Linus ließ Menschen hinter sich, um seinen Weg zu gehen: Fünf queere Menschen erzählen von ihrem Coming-out.

Michael Stölting: Früher bin ich auch öffentlich aufgetreten und habe meine Homosexualität thematisiert. 1988 war es für mich überhaupt kein Problem, mit Gesicht und vollem Namen im Stern zu erscheinen. Da gab es noch kein Internet. Heute mache ich das nicht mehr. Mir scheint, mit den sozialen Medien fällt die Distanz weg. Für mich bedeutet das einen Verlust an Freiheit.

Linus Giese: Aber gerade für junge, queere Menschen ist das Internet ein wichtiger Ort. Menschen, die sich noch nicht sicher sind, ob sie trans oder schwul oder lesbisch oder nonbinär sind, können hier erst mal Kontakte knüpfen und sich informieren. Sie können vielleicht eine Idee bekommen, wie ihr Leben später aussehen könnte. Das empfinde ich – trotz digitaler Bedrohungen – als Gewinn.

Michael Stölting: Das mag gelten, solange man nur für sich selbst Verantwortung trägt. Ich bleibe heute auch anonym, weil ich einen Adoptivsohn habe. Und der ist schwarz und hat mit Rassismus seine eigenen Kämpfe. In dem Moment, in dem ich sichtbar werde, zwinge ich diese Sichtbarkeit auch meinem Sohn auf. Ich kann ihn nicht dazu verdonnern, meinen Kampf mitzukämpfen.

“In meine Praxis kamen Patienten, die Schwulenwitze machten”

ZEIT ONLINE: Hat Ihre Homosexualität für Ihre Familie eine große Rolle gespielt?

Michael Stölting: Also, am Coming-Out meiner Mutter haben wir lange gearbeitet. Als sie bemerkt hat, dass ihre Söhne schwul sind, hat sie sehr merkwürdig reagiert. Drei, vier Jahre später hat sie dann bemerkt, dass ihr bisheriges Leben gar nicht zu ihr passt. Wenig später hat meine Schwester einen Mann aus einem sehr evangelikalen Elternhaus geheiratet. Das war schon ein wenig schwierig: Ich kam mit meinem damaligen Freund, mein Bruder mit seinem Mann und meine Mutter mit ihrer Frau. Ihr seht, meine familiäre Situation ist nicht sehr typisch.

Meine Mutter saß auf meinem Bett und sagte: ›Mach das nie, heirate nie zu früh irgendeinen Typen.‹ Das war ein gutes Stichwort.

Tanja Seeger

Stella Münster: Meine Mutter ist auch lesbisch. Als sie ein Foto sah, auf dem ich ein Mädchen küsse, hat sie mich angesprochen. Das war komplett unproblematisch. Meine Frau, die aus einem sehr katholischen Haushalt stammt, hat ihrer Familie zwölf Jahre lang nichts von unserer Beziehung erzählt. Irgendwann ist sie zu ihnen gegangen und hat gesagt: “Also, wir wollen nächste Woche heiraten.” Die Familie kannte mich jedoch schon, es war ein unausgesprochenes Geheimnis. Die Eltern haben es ganz gut aufgenommen, die Oma hat geweint. Die Einzige, die vorher schon Bescheid wusste, war ihre Schwester.

Tanja Seeger: Ich habe in meiner Familie recht positive Erfahrungen gemacht. Mit 16 habe ich es meiner Zwillingsschwester erzählt. Bei meiner Mutter habe ich noch fünf weitere Jahre gebraucht. Sie hatte gerade beschlossen, sich von meinem Vater zu trennen, saß auf meinem Bett und sagte: “Mach das nie, heirate nie zu früh irgendeinen Typen.” Das war ein gutes Stichwort. Meine Mutter entgegnete nur, sie hätte sich das ohnehin schon gedacht.

Linus Giese: Meine Familie tut sich sehr schwer mit dem Weg, den ich gehe. Mit meinem Vater hatte ich lange Zeit keinen Kontakt. Jetzt ist er schwer krank. Vor zwei Wochen habe ich ihn besucht, weil ich denke, dass er bald sterben wird. Und da hat er zum ersten Mal “Linus” zu mir gesagt. Das hat er zuvor nie getan. Er hat mir jedoch auch von Freunden erzählt, die ihn mit Sprüchen konfrontiert haben wie: “Bist du so schwer krank, weil sich dein Kind als trans geoutet hat?” Ich habe ihn gefragt, was er dann entgegnet. Er meinte: “Ich werde krank von solchen dummen Fragen.” Ich habe nicht damit gerechnet, dass er so etwas sagen würde. Das bedeutet mir sehr viel. Es fällt meinem Vater schwer, aber ich merke, dass er beginnt, sich mit meiner Identität auseinanderzusetzen.

Till Lahl: Anfangs habe ich mich von meiner Mutter sehr abgelehnt gefühlt. Sie hat in der DDR gelebt, wo sie mit lesbisch-schwulem Leben nie konfrontiert war. Aber mittlerweile hat sie eine ziemlich gute Entwicklung hingelegt. Sie hat sich viel mit der Thematik beschäftigt – und mir ihre Akzeptanz letztendlich dadurch gezeigt, dass sie sich meinem Exfreund gegenüber sehr nett verhalten hat. Dennoch: Die Ablehnung meiner Mutter war, obwohl ich mich immer auch von ihr geliebt gefühlt habe, die verletzendste Form der Diskriminierung für mich.

“Vermieter sagten: So etwas wie Sie wollen wir hier nicht”

ZEIT ONLINE: Natürlich tut die Ablehnung durch die eigene Familie besonders weh. Aber wo erleben Sie Homo- und Transfeindlichkeit noch?

Stella Münster: Meine Frau und ich haben keine Wohnung bekommen, weil wir lesbisch sind. Vermieter fragten uns: “Sind Sie eine WG?” Und dann: “Nein, so etwas wie Sie wollen wir hier nicht.” Und auch von den Kleinsten gehen solche Anfeindungen aus. “Schwul” gilt noch immer als Schimpfwort auf dem Pausenhof. Doch ich würde niemals sagen: “Hey, sag das nicht, ich bin selbst lesbisch!”

Jochen Nassauer: In meine Praxis kamen immer wieder Patienten, die Schwulenwitze machten. Manchmal habe ich dann einfach erklärt, dass ich das nicht gutheiße. In anderen Fällen habe ich gesagt: “Ich bin doch schwul, sogar verheiratet, warum erzählen Sie mir das?” Manche haben mich angesehen und gesagt: “Das glaube ich Ihnen nicht.” Wenn man mich sieht, hält man mich nicht sofort für schwul.

Die Phasen der sexuellen und der beruflichen Orientierung verlaufen ja ungefähr zeitgleich. Vielleicht zieht man bestimmte Berufsfelder gar nicht erst in Erwägung.

Till Lahl

Linus Giese: Ich habe erst kürzlich die Erfahrung gemacht, dass mein offener Umgang eine Gefahr darstellen kann. Durch Twitter war öffentlich, wo ich arbeite. Im Mai kamen mehrfach fremde Menschen in meine Buchhandlung, um mich mit meinem alten Namen anzusprechen oder mich mit dem Handy zu filmen. Später wurde dieses Video im Internet geteilt. Es gibt also Menschen, die mich aufsuchen, nur weil sie sich provoziert davon fühlen, was ich bin und worüber ich im Internet spreche. Als ich den Fall zur Anzeige brachte, sagte die zuständige Polizistin zu mir: “Diese Menschen sprechen Sie mit Ihrem alten Namen an – und das ist schon eine Beleidigung für Sie?” Für sie war es offensichtlich nicht vorstellbar, dass ich das als transfeindlich empfinde.

Till Lahl: Ich glaube, dass man unbewusst Strategien anwendet, um Homophobie auszuweichen. Die Phasen der sexuellen und der beruflichen Orientierung verlaufen ja ungefähr zeitgleich. Vielleicht zieht man bestimmte Berufsfelder gar nicht erst in Erwägung, weil man dort mit Diskriminierung rechnet. Ingenieursberufe, beispielsweise, Berufsfelder, in denen ein klassisches Rollenklischee noch dominiert.

Homophobie und Transphobie: "Meine Frau hat ihrer Familie zwölf Jahre lang nichts von unserer Beziehung erzählt."
“Meine Frau hat ihrer Familie zwölf Jahre lang nichts von unserer Beziehung erzählt.”

ZEIT ONLINE: Im Vorfeld zu diesem Gespräch veröffentlichten wir eine Umfrage, in der wir unsere Leserschaft dazu aufriefen, uns Ihre Erfahrungen zu schildern mit – ja, was eigentlich? Homophobie oder Homofeindlichkeit? Transphobie oder Transfeindlichkeit? Wir waren uns unsicher, welcher Begriff besser ist.

Linus Giese: “Phobie” bezeichnet eine mögliche Erkrankung, eine Angststörung. Ich glaube aber nicht, dass die meisten Menschen Angst vor Homosexuellen oder trans Menschen haben, sondern eine feindliche Einstellung. Daher halte ich Homo- und Transfeindlichkeit für die besseren Begriffe.

Michael Stölting: Das stimmt. Diese Begriffe sind eine Brücke, denn ich kann ganz präzise sagen: Du verhältst dich gerade, in diesem Moment, homo- oder transfeindlich. Wenn ich hingegen von einer “Phobie” spreche, klage ich direkt die ganze Person an und nicht lediglich ihr situatives Verhalten. Ein Verhalten lässt sich jedoch viel einfacher verändern als eine Angststörung.

Linus Giese: Was ich jedoch beobachte, ist, dass Menschen sich angegriffen fühlen, wenn man Ihnen vorwirft, dass diese oder jene Äußerung transfeindlich war. Ähnlich, wie wenn man jemandem sagt, dass eine Äußerung rassistisch war. Auf der Gegenseite bauen sich dann schnell Abwehrmechanismen auf: Nein, ich bin kein Rassist! Nein, ich bin nicht transfeindlich.

“Viele wissen nicht, was es bedeutet, trans zu sein”

ZEIT ONLINE: Ist Transfeindlichkeit eigentlich etwas vollkommen anderes als Homofeindlichkeit?

Linus Giese:  Viele wissen nicht, was es bedeutet, trans zu sein, auch Schwule nicht. Ich bin beispielsweise bei PlanetRomeo angemeldet, einer schwulen Datingplattform. Ich habe noch nie so viel Diskriminierung erlebt wie dort. Mein Körper ist eben nicht so, wie sich viele Schwule einen Körper vorstellen. In den Antworten wird mir das deutlich gespiegelt.

ZEIT ONLINE: Sie erleben also auch innerhalb der queeren Community Diskriminierung?

Linus Giese: Ja, auch von lesbischen Frauen, die der Auffassung sind, dass transgeschlechtliche Frauen keine echten Frauen seien – und deshalb nicht auf die Frauentoilette oder in die Frauensauna gehen dürften. Sie haben Angst davor, dass ihnen Frauenschutzräume weggenommen werden.

Ich war immer für einen gemeinsamen Kampf. Schutzräume können nur eine Übergangslösung sein.

Michael Stölting

Till Lahl: Es gibt Feministinnen, die transgeschlechtlichen Frauen gern vorwerfen, dass sie ja einen Teil ihres Lebens als Mann unterwegs waren und daher nicht die gleichen Erfahrungen teilen. “Du bist halt männlich sozialisiert” – das ist oftmals die Argumentationslinie.

Linus Giese: Es gibt sogar einen Begriff für diese Leute: TERF, transexclusionary feminists, transausschließende Feministinnen also. Feministische Onlineshops vertreiben Buttons mit dem Slogan “Trans Frauen sind Männer”, Demonstrantinnen tragen Plakate mit dem Spruch “Lesben haben keine Penisse”. Transgeschlechtliche Frauen, die in vielen Fällen noch einen Penis haben, können in den Augen mancher keine Lesben sein.

Michael Stölting: Die Diskussion wurde anders, aber mit ähnlichen Emotionen bereits in den Achtzigern geführt. In Hamburg, wo ich damals lebte, gab es die ersten schwulen Zentren und Discos, Bereiche also, in denen schwules Leben abgetrennt stattfinden konnte. Die Frage war damals: Sind diese Schutzräume das Ziel unserer Emanzipationsarbeit? Oder sind sie nur eine temporäre Einrichtung, die es aber irgendwann zu überwinden gilt? Ich war immer für einen gemeinsamen Kampf. Schutzräume können nur eine Übergangslösung sein.

Macht existiert in Netzwerken. Schwule Männer zwischen 40 und 50 sind eine zum Teil sehr einkommensstarke Gruppe.

Till Lahl

Till Lahl: Gerade in Berlin habe ich oftmals den Eindruck, dass all die queeren Initiativen ihr eigenes Ding machen. Als beispielsweise 2006 die erste lesbische Frau in den Vorstand des Schwulen Museums Berlin gewählt wurde, hat sich die ältere Schöneberger Männerszene nicht mehr repräsentiert gefühlt und ist auf die Barrikaden gegangen. Innerhalb der Szene gibt es viel Diskriminierung untereinander. Ich würde mir stattdessen mehr Kooperation wünschen.

ZEIT ONLINE: Nehmen Sie einen Unterschied zwischen dem Einfluss der schwulen und dem der lesbischen Community wahr?

Till Lahl: Ja. Macht existiert in Netzwerken, in Community-Netzwerken, die nicht sichtbar sind. Ich glaube, dass schwule Männer zwischen 40 und 50 eine zum Teil sehr einkommensstarke Gruppe sind, die netzwerkorientiert denkt. Ich kenne einige lesbische Frauen, die von dieser Klüngelei genervt sind.

Stella Münster: Ich verstehe es, wenn lesbische Frauen einen Hals auf schwule Netzwerke haben. In eurer Community vereint Ihr Sichtbarkeit, Macht, Geld.

Tanja Seeger: Aber dabei handelt es sich doch gar nicht um den Dualismus Lesben/Schwule. Das ist ein Mann-Frau-Problem. Männer neigen generell dazu, sich stärker zu vernetzen und Macht aufrechtzuerhalten. Frauen machen das weniger. Hinzu kommt die öffentliche Wahrnehmung. Lesbische Unsichtbarkeit rührt nicht daher, dass Lesben Lesben sind, sondern daher, dass Lesben Frauen sind.

Michael Stölting: Das war auch schon in den Achtzigern so. In meiner Wahrnehmung haben sich die Lesben stärker als Teil der Frauenbewegung denn als Teil der homosexuellen Emanzipationsbewegung verstanden.

“Auch Omma und Oppa aus Norderstedt fahren mittlerweile zum CSD”

ZEIT ONLINE: Apropos homosexuelle Emanzipationsbewegung: Vor ein paar Wochen feierte der Christopher Street Day sein 50-jähriges Jubiläum. Vor allem in Großstädten zieht er jährlich Tausende von Menschen an. Ist queeres Leben im Mainstream angekommen?

Jochen Nassauer: Ich besuche den Christopher Street Day regelmäßig, muss aber feststellen, dass er sich zu einer sehr kommerzialisierten Veranstaltung entwickelt hat. Er ist mittlerweile ein Event, zu dem auch Omma und Oppa aus Norderstedt hinfahren, um sich was Buntes anzugucken. Früher war das anders – auch, weil sich damals noch lange nicht so viele Menschen geoutet hatten.

Homophobie und Transphobie: "Ich muss feststellen, dass sich der Christopher Street Day zu einer sehr kommerzialisierten Veranstaltung entwickelt hat."
“Ich muss feststellen, dass sich der Christopher Street Day zu einer sehr kommerzialisierten Veranstaltung entwickelt hat.”

Tanja Seeger: Aber der Christopher Street Day bringt Leute auf die Straße und verdeutlicht, dass man gleichzeitig demonstrieren und Spaß haben kann. Ich begreife die Veranstaltung nach wie vor als vorrangig politisch: Wir müssen zeigen, dass Gleichstellung noch immer nicht erreicht ist. Und damit meine ich nicht nur die rechtliche Gleichstellung. Dass wir hier zusammensitzen und fünf von sechs Personen anonym bleiben wollen – das sagt doch schon sehr viel aus.

Till Lahl: Ich habe den Christopher Street Day in Brüssel besucht und war etwas erschrocken. Es war eine komplett entpolitisierte Veranstaltung, die von Politikern als Bühne für die eigene Selbstinszenierung benutzt wurde. Klar: Es ist besser, dort zu sein, als nicht dort zu sein. Ich stelle mir die Frage nach dem Ziel dieser Veranstaltung: Steht am Ende wirklich mehr gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber LGBT?

Michael Stölting: 1984 habe ich den Christopher Street Day in Karlsruhe mitorganisiert. Die These, dass die Veranstaltung durch Werbung unpolitisch würde, entspricht in keiner Weise meiner Erfahrung. Ich behaupte eher, dass genau das der Durchbruch war: dass Firmen sich trauten, im homosexuellen Umfeld zu werben. 1984 war es noch unvorstellbar, dass sich eine Firma dazu bekennt, eine schwule Kundschaft zu haben.

Wir waren in den Achtzigern im Krieg gegen die Gesellschaft und gegen die Krankheit.

Michael Stölting

ZEIT ONLINE: Sie haben dafür gekämpft, dass das heute möglich ist.

Michael Stölting: Ja. Als ich zwanzig, dreißig war, gab es keine Schwulen im Rentenalter. Die waren von den Nazis umgebracht worden oder in Gefängnissen verschwunden. Wir sind die erste Generation von schwulen Männern, die alt werden darf.

Jochen Nassauer: Das stimmt nicht ganz. In meiner Altersgruppe sind viele, viele Schwule an Aids gestorben. Zudem waren wir geächtet. Man kann sich die Stimmung von damals aus heutiger Perspektive gar nicht mehr vorstellen.

Michael Stölting: Da hast du recht. Horst Seehofer hat zum Beispiel vor Jahren vorgeschlagen, HIV-Infizierte in “speziellen Heimen” unterzubringen. Wir waren in den Achtzigern im Krieg gegen die Gesellschaft und gegen die Krankheit. Wir haben so viele Leichen getragen.

Till Lahl: Die Diskriminierung setzt sich heute beim Thema Blutspende fort. Bis 2017 durften schwule Männer gar kein Blut spenden. Seit zwei Jahren dürfen sie es erst dann, wenn sie ein Jahr lang keinen Sex hatten.

“Wir benötigen Sichtbarkeit im Alltag”

ZEIT ONLINE: Die Gefahr durch Aids war jedoch nicht alles. Hinzu kam der Paragraf 175, der männliche Homosexualität unter Strafe stellte. Auch wenn er 1969 zum ersten und 1973 zum zweiten Mal entschärft wurde, stand er bis 1994 im Strafgesetzbuch.

Jochen Nassauer: Und trotz dieser Liberalisierung herrschte nach wie vor Angst. Nach der Reform im Jahr 1973 wurde eine Schwulendiskothek in Hamburg-Sankt Georg eröffnet. Der Pit Club wurde schnell bekannt. Ich brachte jedoch nicht den Mut auf, dort hinzugehen. Erst einige Jahre später, nachdem ich gehört hatte, dass einem dort nichts passiert, dass dort sogar berühmte Persönlichkeiten ein- und ausgehen, traute ich mich. Und traf einen Kollegen, was mir meine Angst nahm. In den folgenden Jahren war ich häufig im Pit Club, man konnte dort wunderbar abtanzen und jemanden kennenlernen. In dieser Zeit der Discomusik wurde die Streichung des Paragrafen 175 immer deutlicher gefordert.

Homophobie und Transphobie: "Trotz der Liberalisierung herrschte nach wie vor Angst." (Ausgabe des "Stern" Nr. 49/1988)
“Trotz der Liberalisierung herrschte nach wie vor Angst.” (Ausgabe des “Stern” Nr. 49/1988)

Michael Stölting: Ich habe den Paragrafen zwar selbst noch erlebt – aber schon in der milderen Variante. Was ich in diesem Zusammenhang wichtig finde: Bereits vor der Liberalisierung war es eine Frage der Klasse und der Privilegien, ob man belangt wurde oder nicht. Damals traf es doch vor allem ärmere Schwule. Wer ein Haus oder eine Wohnung besaß, hatte viel größere Chancen, unentdeckt zu bleiben, weil er sich nicht auf irgendwelchen Klappen rumtreiben musste.

Till Lahl: Es geht ja nicht nur darum, mit welcher Sexualität man geboren wird. Sondern auch darum, an welchem Ort, zu welchem Zeitraum und in welches Milieu.

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Jahrzehnten hat die LGBT-Community vieles erkämpft, nicht zuletzt auch die Ehe für alle. Was gilt es noch zu tun?

Jochen Nassauer: Der Staat muss mehr in gesundheitliche Aufklärung investieren. Die Leute sind leichtsinnig geworden, benutzen keine Kondome mehr und werden unnötig krank: Die HIV-Quote ist nach wie vor sehr hoch, die Übertragungsquote von Syphilis sogar noch höher.

Stella Münster: Wir brauchen bessere Schulbücher, die die typischen, heteronormativen Genderrollen aufbrechen. Und Lehrerinnen und Lehrer, die sich offen als queer bekennen.

Tanja Seeger: Das gilt ebenso für den öffentlichen Dienst. Auch in Behörden kann es divers zugehen, das glaubt man vielleicht erst einmal nicht.

Linus Giese: Aber wir benötigen genauso Sichtbarkeit im Alltag: Das Leben von Schwulen, Lesben und transgeschlechtlichen Menschen muss normalisiert werden. Gerade von trans Menschen wird erwartet, dass sie sich in das binäre Mann-Frau-System einfügen. Dass ich mir als trans Mann meine Brüste nicht abnehmen lasse, ist also nicht vorgesehen, denn dann passe ich nicht. Ich soll mich vollständig in einen Mann verwandeln, dem man am besten irgendwann nicht mehr ansieht, dass er trans ist. Menschen wie ich müssen sichtbar sein, weil noch viel mehr Menschen Körper haben, die nicht den binären Vorstellungen entsprechen. Aber in welcher Talkshow sitzt schon mal ein trans Mensch? Ich habe noch keine gesehen.

Michael Stölting: Ich wünsche mir, dass sich Lesben und Schwule auch darüber bewusst werden, in welcher Hinsicht sie heute zu den “Starken” gehören. Und sich die Frage stellen, wie sie diese Stärke, die sich natürlich nicht alle, aber viele erkämpft haben, dafür nutzen können, um sich für andere, Schwächere, einzusetzen. Ich möchte nicht sagen: Ich habe meinen Kampf nun gekämpft, jetzt kann ich mich hedonistisch der Freude hingeben. Stärke bedeutet Verantwortung.

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