Türkei: Mit dem Bus zurück in den Krieg – ZEIT ONLINE

Kein Land hilft so vielen syrischen Flüchtlingen wie die Türkei. Nun häufen sich verstörende Berichte über Deportationen. Auch Muhammed H. musste wieder nach Syrien.

Türkei: Im Bus über den Grenzübergang Bab al-Hawa, der die Türkei von der syrischen Provinz Idlib trennt: Unter den Reisenden sind syrische Flüchlinge, die nicht freiwillig in den Krieg zurückkehren.
Im Bus über den Grenzübergang Bab al-Hawa, der die Türkei von der syrischen Provinz Idlib trennt: Unter den Reisenden sind syrische Flüchtlinge, die in das Kriegsland zurückkehren – laut der türkischen Regierung ausschließlich freiwillig.

Mit dem Bus zurück in den Krieg – Seite 1

Muhammed H. war morgens um acht Uhr auf dem Weg zur Arbeit in einer Teppichfabrik in Istanbul, als die Häscher zuschlugen, so berichtet er es später per WhatsApp. Vergeblich zeigte der Familienvater demnach seine Papiere – den syrischen Pass und die Terminbestätigung vom Ausländeramt im westtürkischen Bursa: Bevor er sich versah, hatten die Polizisten ihn gefesselt und verladen, schildert er den Zugriff. Kein Wasser zu trinken, hätten die Beamten gewarnt, als gegen Mittag alle 35 Plätze im Bus besetzt waren. 18 Stunden später sei der Bus im Morgengrauen über die syrische Grenze gerollt. Der Fahrer habe die Türen geöffnet, die Beamten die eingezogenen Telefone verteilt – und dann stand Muhammed verlassen an einem fremden Ort in dem Bürgerkriegsland, aus dem er mit seiner Familie in die Türkei geflohen war.

“Politik der offenen Tür” nennt die türkische Regierung ihre Haltung gegenüber den Flüchtlingen aus dem kriegszerstörten Nachbarland. Rund 3,6 Millionen Syrer hat die Türkei in den vergangenen acht Jahren aufgenommen, jeden Tag werden mehr als 400 syrische Kinder auf türkischem Boden geboren. Kein anderes Land hilft so vielen Flüchtlingen. Längst gehören die Syrer zum Alltag in den großen Städten der Türkei – allein in Istanbul leben mehr als eine halbe Million von ihnen. In der türkischen Grenzprovinz Kilis leben mehr Syrer als Türken

Doch jetzt sei es vorbei mit der “Politik der offenen Tür”, sagen syrische Flüchtlinge wie Muhammed: Die Wirtschaftskrise hat türkische Wutbürger hervorgebracht, die den Kriegsflüchtlingen die Schuld an Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Kriminalität und Prostitution zuschieben. Mehr als eine Million Syrer arbeiten in der Türkei ohne offizielle Genehmigung, viele von ihnen für Hungerlöhne weit unter dem türkischen Mindestlohn von umgerechnet 320 Euro im Monat.

“Alle glauben, dass das nur der Anfang ist”

Bei einer Umfrage des renommierten Instituts Konda sagten 57 Prozent der Teilnehmer vor drei Jahren noch, sie hätten kein Problem damit, mit Syrern in einem Stadtviertel zu wohnen – dieses Jahr zeigten sich nur noch 31 Prozent offen dafür. Nur sieben Prozent sind einverstanden damit, mit Syrern im selben Haus zu leben. Melih Gökçek, ein populistischer Politiker und früherer Bürgermeister von Ankara, fordert eine Wehrpflicht für alle syrischen Männer unter 35 Jahren: Sie sollten nach Syrien an die Front geschickt werden.

Im Istanbuler Vorort Küçükçekmece zog vor Kurzem ein türkischer Lynchmob durch die Straßen und zertrümmerte syrische Geschäfte. Die Behörden in Istanbul wollen jetzt alle Syrer ohne Aufenthaltsgenehmigung für die Stadt in andere Gebiete der Türkei abschieben. 

Unter den Syrern in der Türkei, die sich dort bisher sicher wähnten, geht nun die Angst um. “Alle glauben, dass das nur der Anfang ist”, sagt ein syrischer Mann über die Abschiebung von Syrern aus Istanbul in die türkischen Provinzen, wo sie registriert sind. Mit seinen einwandfreien Papieren, die er uns zeigt, muss er eigentlich nichts fürchten. Aber gültige Papiere schützen nicht mehr.

“Ich muss zu meiner Familie zurück, bitte helft mir”

Es bleibt auch offenbar nicht bei türkeiinternen Rückführungen, wie der syrische Exilpolitiker Chaled Chodscha im Gespräch mit ZEIT ONLINE berichtet. Er hat allein in einer Woche im Juli rund 400 Fälle gezählt, in denen Syrer gegen ihren Willen in die syrische Provinz Idlib gebracht wurden, die einzige Gegend des Bürgerkriegslandes, in der noch die Gegner von Präsident Baschar al-Assad das Sagen haben. Die Region wird von der radikalislamischen Miliz Hajat Tahrir al-Scham (HTS) beherrscht. Abgeschobene Syrer aus der Türkei würden nach ihrer Ankunft in Idlib von HTS-Milizionären verhört, sagt Exilpolitiker Chodscha.

Auch Muhammed musste vor einem Monat in Idlib aus dem türkischen Bus aussteigen, wie er uns per WhatsApp aus Syrien berichtet – eine behördliche Bestätigung gibt es für seine Schilderung nicht. Inzwischen habe er sich nach Al-Bab bei Aleppo durchgeschlagen, wo er bei Bekannten untergekommen sei. Seine Verzweiflung ist in diesem Monat nur gewachsen. Er besitze nichts außer den Kleidern, die er bei der Razzia in Istanbul am Leib trug, er fürchte sich vor den andauernden Bomben und Explosionen in Al-Bab und er werde fast wahnsinnig vor Sorge um seine Frau Maha und die beiden Kinder, die in Istanbul zurückgeblieben sind – eine Tochter von vier Jahren und ein einjähriger Sohn. Weil sie ohne Muhammeds Einkommen die Miete nicht mehr bezahlen können, werden sie jetzt auf die Straße gesetzt: Eine Frist bis nächste Woche hat der Vermieter ihnen gesetzt, um die Wohnung zu verlassen. 

“Ich muss zu meiner Familie zurück, bitte helft mir”, fleht der 26-jährige per WhatsApp, doch niemand hilft. Die türkischen Polizisten im Deportationsbus hätten nur mit den Schultern gezuckt, als er immer wieder nach seiner Familie gefragt habe und was aus ihnen werden solle. Einen syrischen Verein in Istanbul habe er seit der Abschiebung kontaktiert, doch auch der habe bedauert: Man könne nichts für ihn tun.

In Plastikfesseln im Bus über die Grenze

Syrische Flüchtlinge, die von der Türkei ausgewiesen wurden, lassen sich am Grenzübergang Bab al-Hawa in der syrischen Provinz Idlib registrieren.
Syrische Flüchtlinge, die aus der Türkei zurückkehren, lassen sich am Grenzübergang Bab al-Hawa in der syrischen Provinz Idlib registrieren. Gezwungen wird offiziell niemand.

Offiziell gibt es Muhammeds Fall gar nicht, denn offiziell deportiert die Türkei niemanden nach Syrien. Anders als zum Beispiel Flüchtlinge aus Afghanistan, die regelmäßig auf Flieger nach Kabul gesetzt würden, seien syrische Flüchtlinge durch ihren Sonderstatus geschützt, sagt Innenminister Süleyman Soylu. Nur in die türkischen Provinzen, in denen sie registriert sind, würden Syrer abgeschoben oder schlimmstenfalls in Flüchtlingslager, versichert die Regierung in Ankara. Und doch berichten syrische Flüchtlinge in Istanbul von etlichen solchen Abschiebungen mit Plastikfesseln, kurzem Prozess und einer Busfahrt über die Grenze. 

Der Weg nach Europa ist den meisten Syrern in der Türkei versperrt. Seit dem Abschluss des Flüchtlingsabkommens mit der EU vor mehr als drei Jahren riegelt die türkische Küstenwache die Ägäis wirksam ab und lässt fast keine Flüchtlingsboote mehr nach Griechenland durch. Die Zahl der Flüchtlinge, die auf griechischen Inseln ankommen, ist laut UN-Angaben von mehr als 850.000 im Krisenjahr 2015 auf etwa 30.000 im vergangenen Jahr gefallen. Im Gegenzug hat die EU der Türkei sechs Milliarden Euro an Hilfe zugesagt. Bisher sind 2,35 Milliarden davon ausgezahlt worden, nach EU-Angaben wurde das Geld unter anderem für den Bau von fast 180 Schulen in der Türkei ausgegeben. 

Die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan beklagt sich zwar regelmäßig über die angeblich knauserige EU, die ihre Verpflichtungen nicht einhalte. Das Abkommen mit der EU aufzukündigen, liegt aber nicht in Erdoğans Interesse: Wenn Flüchtlinge wieder unbehelligt über die Ägäis nach Griechenland gelangen könnten, würde die Türkei als Durchgangsland zu einem Magneten für viele weitere Millionen Flüchtlinge aus ganz Nahost, Afrika und Zentralasien.

Niemand müsse gegen seinen Willen gehen

Die Regierung in Ankara arbeitet deshalb an einem anderen Plan für die Syrer. Erdoğan kündigt seit Monaten einen Truppeneinmarsch in das kurdische Autonomiegebiet im Nordosten Syriens an. Dort will der Präsident die Kurden von der Grenze zurückdrängen und eine türkisch kontrollierte “Sicherheitszone” schaffen, in die Syrer aus der Türkei zurückkehren können. Seit zwei früheren Interventionen der Armee im Nordwesten Syriens 2016 und 2018 sind nach türkischen Angaben bisher 330.000 Syrer in ihr Heimatland zurückgekehrt – und zwar freiwillig, betont die Regierung. Gegen seinen Willen werde niemand nach Syrien geschickt. 

Muhammed glaubt, dass die türkische Regierung vielleicht gar nichts von seiner Deportation wusste – dass sie das Werk von übereifrigen oder gar bösartigen Sicherheitsbehörden war, die sich durch den Kurswechsel in der türkischen Flüchtlingspolitik zu solchen Aktionen ermuntert fühlen. Doch das hilft ihm jetzt auch nicht mehr. Aus der Ferne versuche er mit Unterstützung von Freunden in Istanbul, das Mobiliar der Wohnung zu verkaufen, bevor Frau und Kind nächste Woche hinausmüssen. Doch vom Erlös werden sie nicht lange leben können: Für den Kühlschrank zum Beispiel, der einmal 400 Lira gekostet habe, hätten sie in ihrer Notlage gerade noch 130 Lira bekommen – das sind rund 21 Euro.

“Wir sind niemandem zur Last gefallen”

Ein neues Leben hätten Muhammed und Maha sich in Istanbul aufgebaut, sagt er, seit sie vergangenes Jahr durch einen Deal zwischen dem Assad-Regime, Russland und den Rebellen aus ihrer Heimat bei Damaskus vertrieben und nach Nordsyrien deportiert worden seien. “Nur unsere Seelen durften wir mitnehmen, sonst nichts”, berichtet Muhammed, wie sie dort hilflos gestrandet seien. Maha war damals noch schwanger mit ihrem Sohn, die Tochter drei Jahre alt. Die Familie habe sich über die grüne Grenze in die Türkei geschlichen, die ihre Tore damals schon für syrische Flüchtlinge geschlossen hatte, und sich nach Istanbul durchgeschlagen. Weil in der Metropole schon lange keine Syrer mehr registriert werden, meldete Muhammed die Familie in Bursa an – und erhielt wegen der Wartezeiten erst einen Termin für August 2019.

Die Terminbestätigung hat Muhammed noch immer, er hat sie uns gezeigt, doch nun nützt sie ihm nichts mehr. Warum nur, frage er sich immer wieder: “Wir haben uns doch selbst versorgt, wir sind niemandem zur Last gefallen.” Wenn kein Wunder mehr geschieht, steht er jetzt vor der Wahl, seine Frau und die kleinen Kinder auf den Straßen von Istanbul sitzen zu lassen oder sie irgendwie zu sich zu holen: zurück in den Krieg, dem sie entflohen waren. Heute wünsche er sich von Herzen, dass sie beizeiten ein Boot nach Europa bestiegen hätten, sagt Muhammed. So riskant das auch sei: “Ertrinken wäre besser als das, was wir jetzt erleiden.”

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